Menschen aus Limburg-Weilburg leisten weiter Hilfe im Ahrtal

Die Helfer aus dem Landkreis Limburg-Weilburg sind im Ahrtal im Einsatz. © Gabriele Stephan

Es gibt emotionale Momente für die Helfer, bei einigen aber auch Wut auf die Regierung. Die tue zu wenig für die Bürger im eigenen Land.

Anzeige

LIMBURG-WEILBURG. Unrat, Schuttberge und zerstörte Straßen sowie Brücken. Rund 16 Monate nach der Flutkatastrophe im Ahrtal ist das Leben an Ort und Stelle keineswegs wieder normal. Die Menschen hoffen weiterhin auf möglichst viel externe Hilfe. Auch in der Oberlahn-Region gibt es Menschen, die Unterstützung leisten. Zu ihnen gehört Pia Höck aus Villmar. Die 47-Jährige war bereits mehrfach im Ahrtal, um mit verschiedenen Aktionen den Bürgerinnen und Bürger unter die Arme zu greifen.

"In 2021 haben wir ein Lkw-Treffen auf unserem Betriebsgelände abgehalten", sagt Höck, die als Geschäftsführerin eines Transportunternehmens arbeitet. Dabei seien Gelder zusammen gekommen, welche anschließend an eine Kita im Ahrtal gespendet wurden. Ein Jahr später, im Juli 2022, richtete die Villmarerin erneut ein Treffen aus, um finanzielle Mittel zu sammeln, die an die Stiftung Buntes Herz übergeben wurden.

Gehören keinen klassischen Organisationen an

Pia Höck fuhr dann im September dieses Jahres selbst zum ersten Mal ins Ahrtal. Zuvor hatte sie über ihre Bekannte Gabriele Stephan aus Elz Kontakt zum sogenannten Helfer-Shuttle geknüpft. Es handelt sich um eine Organisation, die Menschen, welche keinen klassischen Hilfsorganisationen angehören, vereinen, um gemeinsam die Leute im Ahrtal zu unterstützen. "Über das Helfer-Shuttle erfuhr ich, dass in einem Neubaugebiet in Bad Neuenahr Mutterboden benötigt wird", sagt Höck.

Anzeige

Nachdem die 47-Jährige die betroffenen Grundstücke begutachtet hatte, begann sich mit der Organisation eines Hilfskonvois, der aus sechs Lkws bestand. Dieser machte sich Mitte Oktober mit 90 Tonnen Mutterboden auf den Weg nach Bad Neuenahr. Mit dabei war auch Ehemann Joachim Höck sowie insgesamt fünf Freunde und Bekannte von der Villmarerin. Die Helfer hatten Maschinen, wie beispielsweise eine Raupe und einen Bagger dabei, um den Mutterboden direkt verteilen zu können. Der Mutterboden und die Maschinen wurden übrigens von Unternehmen aus der Region um Villmar gestiftet beziehungsweise unentgeldlich zur Verfügung gestellt. Insgesamt neun Grundstücke versorgte die siebenköpfige Gruppe mit dem Mutterboden. Koordiniert wurde der Einsatz vom Helfer-Shuttle.

Während des Aufenthalts im Ahrtal unterhielt sich Pia Höck mit einer Anwohnerin, die berichtete, dass ihre Tochter ihre Lehre abbrechen müsse, weil ihr Auto es nicht mehr über den TÜV geschafft habe und sie deshalb nicht mehr zur Arbeit komme. Die Villmarerin entschloss sich kurzerhand zu helfen. Sie sammelte Spenden für ein Auto. Nach dem Erwerb des Fahrzeugs wurde es von Höck und ihren Mitstreitern am 6. November persönlich im Ahrtal abgeliefert. "Wir haben die Auszubildende damit überrascht. Sie war überglücklich. Es war ein emotionaler Moment und viele Tränen wurden vergossen", sagt die Frau aus Villmar.

Auch künftig möchte Pia Höck weiter helfen. Sie sucht derzeit Sponsoren für den Kauf von neuen Küchengeräten. "Die Familien im Ahrtal kehren nun nämlich nach und nach in ihre Häuser zurück und sie benötigen die Geräte", erklärt die Unternehmerin. Ihr sei es wichtig, diesen Flut-Opfern zur Weihnachtszeit eine Freude zu bereiten. Darüber hinaus möchte die Helfergruppe aus der Villmarer Gegend im Frühjahr mindestens zwei weitere Grundstücke mit Mutterboden versorgen. "Wir bleiben am Ball und freuen uns über Spenden sowie Helfer vor Ort", betont Höck.

Und warum zeigt die 47-Jährige eigentlich so ein großes Engagement für die Menschen im Ahrtal? "Das Elend ist direkt vor unserer eigenen Haustür. Ich möchte die Leute unterstützen, die uns nahe sind", sagt sie. Die Politik tue viel zu wenig. Es gebe deshalb kaum schnelle und unkomplizierte Hilfen. "Im Ahrtal fehlt es an allen Ecken und Enden. Einige Ortschaften sehen aus wie nach dem Krieg", so Höck weiter.

Es sei unvorstellbar, dass so ein kleiner Fluss wie die Ahr einen solch immensen Schaden anrichten könne. "Viele Anwohner sind traumatisiert und ein Bürger erzählte mir, dass die Selbstmordrate gestiegen sei. Außerdem ist die Dunkelziffer der Todesopfer sehr hoch", teilt die 47-Jährige mit. Die Region um Bad Neuenahr-Ahrweiler in Rheinland-Pfalz sei nun auch auf Touristen angewiesen. Die Leute freuen sich laut der Villmarerin über Gäste, denn diese würden Einnahmen generieren und die Gegend beleben.

Anzeige

Kritik an der Regierung geübt

Marc Eichert aus dem Selterser Ortsteil Münster gehört zu der Gruppe um Pia Höck, die den Mutterboden verteilt und das Auto übergeben hat. "Die Leute an Ort und Stelle sind teilweise verzweifelt und dankbar für jede Hilfe", sagt Eichert, der bereits unmittelbar nach der Katastrophe dreimal im Ahrtal war, um die Straßen von Schlamm und Schutt zu befreien. Auch er kritisiert die Regierung. Es fehle an finanziellen Mitteln für den Wiederaufbau. Den Münsterer mache es den eigenen Angaben zufolge sehr wütend, dass der Staat nur wenig für die betroffenen Bürger im eigenen Land tue. Auch deshalb hat er bereits gemeinsam mit seiner Familie Geld gespendet und Spielzeuge für eine Kita gesammelt.

Von Tobias Ketter