Von der Euthanasie zum Holocaust: Hadamarer...

Nach dem Vortrag diskutieren Regina Gabriel und Jan Erik Schulte von der Gedenkstätte Hadamar mit den Zuhörern.  Foto: Kerstin Kaminsky

Es ging nicht nur um Einzelschicksale, sondern um Gruppen von Menschen, die von den Nazis in unvorstellbaren Dimensionen getötet wurden. Der Leiter der Hadamarer Gedenkstätte,...

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HADAMAR. Wie hängen die großen Mordprogramme des NS-Regimes zusammen? Führte der Verbrechenskomplex der Krankenmorde quasi gradlinig zum Massenmord an den Juden? Dazu hielt Jan Erik Schulte während der Veranstaltungsreihe zum Denkmal der grauen Busse einen Vortrag. Sein Fazit: Es gab zumindest viele Parallelitäten.

Der Leiter der Hadamarer Gedenkstätte ging nicht auf Einzelschicksale ein, sondern vermittelte einen Überblick zu den Gruppen von Menschen, die von den Nazis in unvorstellbaren Dimensionen getötet wurden. Neben dem Völkermord an den Juden kam er auch auf die systematische Vernichtung von Sinti und Roma zu sprechen, auf die Hungermorde an der osteuropäischen Zivilbevölkerung, auf die sich zu Tode schuftenden Ostarbeiter sowie die vom Gesetzgeber euphemistisch als "Gnadentod" bezeichnete Ermordung von Kranken und Behinderten.

Mit der Ernennung von Hitler zum Reichskanzler nahm die Ausgrenzung der Juden zu. So wurden zum Beispiel jüdische Berufsbeamte nach dem Arierparagrafen von 1933 die in den Zwangsruhestand versetzt.

Ein anderer Erlass aus diesem Jahr definierte, wer nicht zum Genpool der Deutschen gehören sollte und legitimierte die Zwangssterilisationen von Menschen mit Erbkrankheiten, ohne dass jedoch wissenschaftliche Belege die Behauptungen stützten, was denn nun eine Erbkrankheit sei. "Dieses Gesetz führte zwar nicht unmittelbar zur Euthanasie, doch war es ein erster Schritt in der eugenisch motivierten NS-Gesundheitspolitik", erklärte Schulte.

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1935 schritt die Ausgrenzung der Juden voran. Nach dem Reichsbürgergesetz wurde jeder, der von drei Großeltern mit jüdischer Religionszugehörigkeit abstammt, als Jude eingestuft. Die weitere Radikalisierung von Gesetzen führte zur Zerstörung von Synagogen und jüdischen Geschäften in der Reichspogromnacht. Wirtschaftliche Ausplünderung und Vertreibung der Juden folgten.

Parallel zu der immer drastischeren Judenverfolgung entwickelte sich auch das Krankenmordprogramm. "Im August 1939 wurden Hebammen und Ärzte verpflichtet, missgebildete Kinder zu melden, die dann umgebracht wurden", erklärte Schulte.

Nach Kriegsbeginn sei immer mehr Gewalt hinzugekommen und neben dem systematischen Mord an Kindern gerieten nun auch erwachsenen Psychiatriepatienten in den Fokus der NS-Ideologie. In den sechs T4-Tötungsanstalten, zu denen auch Hadamar gehörte, starben rund 70 000 Menschen im Gas.

"Die Vernichtung der Juden war also nicht die erste systematische Mordaktion", verdeutlichte Schulte. Auch im besetzten Polen seien von Hitlers Truppen zigtausend Zivilisten getötet worden. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion wären dort hunderttausende Kriegsgefangene verhungert. Auch in anderen deutsch besetzten Territorien, wie zum Beispiel Serbien, habe sich die Mordspirale immer schneller gedreht.

Keine klaren Befehle und Richtlinien "von oben"

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Nach Einstellung der T4-Programme in Deutschland, wurden viele der in diesem Bereich Tägigen in die deutschen Vernichtungslager im besetzten Polen versetzt. "Belzec war der erste Ort, an den die Menschen nur hingebracht wurden, um dort getötet zu werden", so der Experte. Zwar gelte Auschwitz als das Tötungslager schlechthin, doch sei dieses Lager ursprünglich für Kriegsgefangene gedacht gewesen und habe sich erst ab Juli 1942 zum zentralen Ort der Judenvernichtung entwickelt.

Sowohl im Bereich der Krankenmorde wie auch beim Holocaust habe es keine klaren Richtlinien und Befehle "von oben" gegeben, fasste Schulte zusammen. Vielmehr hätten sehr viele Menschen an unterschiedlichen Orten, Dienststellen und Behörden die Initiative ergriffen und zur Radikalisierung beigetragen.

"Erschreckend ist, wie wenig Menschen bereit waren, diesem sich immer schneller drehenden Rad in die Speichen zu springen", sinnierte Schulte. Stattdessen hätten überall an den maßgeblichen Schaltstellen Kräfte gewirkt, die die Mordaktionen vorangetrieben hätten.