Stolpersteine erinnern in Weyer an die Opfer der NS-Zeit

Das älteste Grab stammt bereits aus dem Jahr 1841: der jüdische Friedhof in Weyer. Foto: Christa Pullmann/Archiv der Heimat- und Naturfreunde Weyer
© Christa Pullmann/Archiv der Heimat- und Naturfreunde Weyer

Anfang Februar werden im Marktflecken Villmar die ersten Stolpersteine für die Opfer des Nationalsozialismus verlegt.

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VILLMAR-WEYER. Hermann Walter Schönberg aus Weyer stirbt mit 19 Jahren im Konzentrations- und Vernichtungslager in Lublin-Majdanek im deutsch besetzten Polen. Für ihn wird am Montag, 3. Februar, in dem Villmarer Ortsteil ein Stolperstein verlegt. Insgesamt sollen in der Gemeinde Villmar rund 50 Gedenksteine des Künstlers Gunter Demnig an die Opfer des Nationalsozialismus erinnern.

"Hermännchen" wird das einzige Kind von Albert "Abbes" und Karoline "Lina" Schönberg genannt. Der inzwischen verstorbene Weyerer Otto Heyl beschreibt ihn in bisher nicht veröffentlichten Aufzeichnungen als "sehr zart und feinfühlig". Von seinem Großvater Moses sei er "etwas übereilt aufs Geschäftsleben vorbereitet worden". Kaum, dass der Junge flügge gewesen sei, habe er schon begonnen, mit "Zickenfellen" zu handeln.

Hermann Walter Schönberg wird 1939 zwangsweise in das Ghettohaus im Röderbergweg 87 in Frankfurt "umgesiedelt", von dort in das KZ Lublin-Majdanek deportiert und dort am 23. Juni 1942 ermordet. Das ergeben die Recherchen des Villmarer Arbeitskreises Stolpersteine, der sich auf Initiative der Katholischen Arbeitnehmerbewegung (KAB) Villmar gegründet hat, und der Schüler des Wahlpflichtkurses "Erinnerungskultur" der Johann-Christian-Senckenbergschule in Runkel.

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Mit Stolpersteinen soll auch an die Eltern und die Großmutter von Hermann Walter Schönberg In der Brühlstraße 7 am früheren Wohnhaus der Familie erinnert werden. Vater Albert Schönberg wird nach den Recherchen am 10./11. November 1938 nach Limburg gebracht. Am 6. Dezember 1938 wird er ins KZ Buchenwald deportiert, fünf Tage später wieder entlassen. An den Folgen der Haft stirbt er am 18. Dezember 1938 mit 53 Jahren. Als Todesursache wird "Herzschlag" angegeben. Er wird in Weyer ohne Grabstein beigesetzt. Mutter Karoline "Lina" Schönberg geborene Blumenthal heiratet ihren Mann Albert am 18. November 1921 in Weyer. Die Recherchen ergeben, dass sie sich vermutlich bei der Pflege ihres kranken Mannes ansteckt und im Alter von 51 Jahren stirbt. Als Todesdatum wird der 29. Dezember 1938 angegeben, als Todesursache "Herzmuskelschwäche". Wie ihr Mann wird auch sie ohne Grabstein in Weyer beigesetzt.

Todesursache: "Altersschwäche"

Einen Stolperstein bekommt auch ihre Mutter Betha "Bettchen" Blumenthal. Sie wird - so die Recherchen - zwangsweise nach Frankfurt in das "Altersheim" (Ghettohaus) in der Niedenau 25 umgesiedelt. Die "Flucht in den Tod" tritt sie am 5. April 1939 an - mit 82 Jahren. Als Todesursache wird "Altersschwäche" angegeben.

Sechs weitere Gedenksteine werden in der Laubusstraße 14 verlegt, am "Oberstherzehaus", dem Wohnhaus von "Herze Mine", ihrer Tochter Ida und deren Ehemann Emil Simon sowie deren Kinder Hertha und Jakob. "Die Frauen betrieben mit viel Geschick ein Lebensmittelgeschäft, während sich Emil erfolgreich im Viehhandel betätigte", steht in den Aufzeichnungen von Otto Heyl. Emil sei von "stattlichem Aussehen" gewesen und habe "geschmeidige Umgangsformen" besessen. "Man sah ihm an, dass er einmal ein flotter Reiter war", ist weiter zu lesen.

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Mina Saalberg wird 77 Jahre alt. Wie die Recherchen ergeben, zieht sie am 5. Februar 1939 zusammen mit ihrer Schwester Therese Frank aus Villmar in das jüdische Altersheim in der Wöhlerstraße 6 in Frankfurt. Sie wird im Rothschild`schen Hospital im Röderbergweg 97 in Frankfurt am 2. Oktober 1940 ermordet. Die Todesursache wird mit "Zuckerharnruhr" (Diabetes) angegeben.

1110 Quadratmeter großer Totenacker

Sie bekommt ebenso einen Stolperstein wie fünf weitere Familienmitglieder, die Anfang 1938 nach Brasilien flüchten konnten. Dabei handelt es sich um ihre Tochter Ida Simon geborene Saalberg und ihren Mann Emil Simon, der von 1932 bis 1938 Vorsteher der Weyerer Kultusgemeinde ist.

Im Ersten Weltkrieg kämpft Emil Simon in Frankreich und Russland und bekommt das Eiserne Kreuz erster und zweiter Klasse verliehen. Die Ehrenzeichen reißen die Nazis ihm von der Brust, bevor er 1938 auswandert. Erinnert wird auch an die Tochter Herta Irene, deren Mann Julius Heymann und Sohn Heinz, der mit gerade einmal vier Jahren die Heimat verlassen muss.

"Als noch sichtbares Zeichen der früheren jüdischen Gemeinde liegt noch heute der jüdische Friedhof über dem Dorf", erklärt Volker Bayer von den Natur- und Heimatfreunden Weyer. Auf dem 1110 Quadratmeter großen Totenacker befänden sich heute noch 58 Grabsteine. "Die letzte erkennbare Belegung fand 1938 statt, das älteste Grab ist das von Ester Riwka von 1841", sagt Bayer.

Torawimpel tauchen in den 90er Jahren auf

Die Wurzeln der jüdischen Gemeinde in Weyer liegen vermutlich Anfang des 18. Jahrhunderts, ergänzt Bernold Feuerstein vom Arbeitskreis Stolpersteine. Eine ansässige jüdische Familie werde erstmals 1747 erwähnt. Neben dem Viehhandel hätten sich die Weyrer Juden ihren Lebensunterhalt im Handel mit Dingen des alltäglichen Bedarfs verdient.

"Gottesdienstliche Treffen fanden zunächst in einem Privathaus statt", erzählt Bayer weiter. Der Bau einer Synagoge in den 1830er Jahren hätte sich zerschlagen, sodass man sich mit dem Um- und Ausbau der bereits genutzten Räume in der Untergasse begnügt hätte. "Der Betraum hatte knapp 40 Plätze für Männer und etwa 25 für Frauen", sagt der Heimathistoriker. Das Synagogengebäude sei 1938 in privaten Besitz übergegangen und habe die Pogromnacht im November 1938 weitestgehend überstanden. Seit 1944 habe das Gebäude als Schmiede gedient.

Seit 1990 erinnert eine Gedenktafel an die ehemalige Synagoge. In den 90ern sind mehr als 20 Torawimpel aus dem 18. und 19. Jahrhundert aufgetaucht. Dabei handelt es sich um bestickte und verzierte Stoffbahnen, mit denen die Schriftstücke für die Lesung der Tora, der Heiligen Schrift der Juden, umwickelt waren. Sie waren unter einer Treppe im früheren Synagogengebäude versteckt. "Bei den Torawimpeln handelt es sich um ein äußerst bedeutsames Kulturgut aus dem Leben einer jüdischen Landgemeinde in Hessen", sagt Feuerstein.