Sand, Gras und Würste im Glas in Wolfenhausen

Barbara Schmidt und Thomas Grimberg erschaffen phantastische Bilderwelten mit Material aus der Natur.  Foto: Schmidt/Grimberg

In die Welt der beiden Fotokünstler Barbara Schmidt und Thomas Grimberg aus Wolfenhausen einzutauchen, eröffnet völlig neue Dimensionen.

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. WEILMÜNSTER-WOLFENHAUSEN. Wenn vier Augen unheimlich genau hinschauen, erschließen sich ihnen Welten, von denen Otto Normalverbraucher nichts weiß. Und in die Welt der beiden Fotokünstler Barbara Schmidt und Thomas Grimberg aus Wolfenhausen einzutauchen, eröffnet völlig neue Dimensionen.

Beiden ist die Leidenschaft zur konzeptuellen Fotografie gemeinsam. Das bedeutet: An bestimmten Themen wird konsequent weiter gearbeitet. "Abgeschlossen" ist eine Serie erst dann, wenn sie dazu bestimmt wird. Mit so mancher sind die beiden jahrelang beschäftigt.

Jeder Sand ist anders. Die Zutaten für die Motive kommen aus aller Welt nach Wolfenhausen und halten immer wieder winzige Überraschungen bereit. Foto: Margit Bach
Jeder Sand ist anders. Die Zutaten für die Motive kommen aus aller Welt nach Wolfenhausen und halten immer wieder winzige Überraschungen bereit. (© Margit Bach)

Bei Barbara sind dies beispielsweise imaginäre Landschaften und surreale Szenarien mit überwiegend in der Natur gefundenen Fragmenten.

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Am extremsten wird dies bei den Bildern von Sand deutlich. Das feine Material lässt sich Barbara Schmidt aus der ganzen Welt schicken, um es dann in manchmal tagelanger Kleinarbeit zu durchforsten. Positioniert auf einer von unten beleuchteten Glasfläche, schiebt sie die einzelnen Teilchen zurecht, um sie mit einem enormen Vergrößerungsobjektiv zu fotografieren.

"Das Arbeiten hier in der Bornbachstraße ist nicht so einfach, wenn man so im Kleinen tätig ist", verrät die Fotografin, "wenn da ein Lkw den Kanaldeckel vorm Haus trifft, kommt das einem Erdrutsch gleich." Auf einem großen Foto erscheinen die aus Tausenden von Sandkörnern ausgewählten und in Wirklichkeit auf noch nicht einmal zwei Quadratzentimetern platzierten Teilchen plötzlich riesenhaft.

Niemand denkt beim Anblick der bunten, fröhlichen Bilder an Sand, trotzdem sind es winzig kleine Foraminiferen, Seeigelstacheln, noch nicht mal einen Millimeter große Miesmuscheln oder Schneckenhäuschen. Und jeder Sand ist anders - ob aus Portugal, Hawaii, Kreta, von den Azoren oder aus Nordnorwegen, wo das feine Material aufgrund seiner Golfstrommitbringsel vergrößert besonders exotisch wirkt.

Sehr apart kommen die Bilder mit kleinen Federchen daher, mit dem winzigen Skelett eines kleinen Tieres, mit Würzelchen, Ästchen, Muscheln und anderen Fundstücken aus der Natur: Auch hier wird mit einer Miniwelt gearbeitet, die den Betrachter auf der vergrößerten Fotografie zum Eintauchen einlädt. So wirkt etwa das gefundene Teilchen eines - wegen seiner fantastischen Muster - Kamerachips so groß wie eine Badezimmerkachel.

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Diese noch lange nicht abgeschlossene Serie hat Barbara Schmidt "Silvestria" betitelt. Und diese hat ihr auch im letzten Jahr den Publikumspreis der 73. Internationalen Bergischen Kunstausstellung in Solingen beschert. Alle ihre ausgestellten Bilder hat die Nationalbank AG Essen gekauft und in ihre Sammlung aufgenommen, darauf kann die Fotografin stolz sein.

Fotografische Blicke durch Gräser, Blätter und Geäst

Weiterhin spielt sie gerne mit fotografischen Blicken durch Gräser, Laubwerk und Geäst, was sich mit Schärfe und Unschärfe und dem Wechselspiel des Lichteinfalls in ein Stück Naturpoesie verwandelt.

Eine Serie von Thomas Grimberg trägt den Titel "0,06 qm": In dieser fotografierte er mit einer analogen Mittelformatkamera ein Stück Boden senkrecht von oben und erschafft auf diese Weise ebenfalls eine surreale Weltansicht. Da verweben sich dürre und grüne Grashalme mit zu Eis gefrorenem Wasser, Moos, Blätter, ein Stück Holz, Pflanzenteile auf gerissenem Boden, ein Stück eines Kaninchenskeletts und sogar ein verwesendes, winziges, aus dem Nest gefallenes Vögelchen werden in der Vergrößerung zu einem fantastischen Ganzen.

In seiner Serie "Homeland Taunus" befasst er sich mit der dörflichen Architektur und Infrastruktur in seiner neuen Wahlheimat Wolfenhausen und dem Hintertaunus. In diesen Kompositionen rücken Farben, Flächen und Formen der dörflichen Architektur und der Schilderwälder oder die Strukturen besonderer Hausverkleidungen der 1960er Jahre, der Fachwerkbauten oder die Art und Weise, wie Architektur und Infrastruktur in die heimische Landschaft eingebettet sind, in den Fokus.

Essen als Objekte rein ästhetischen Interesses

Weiterhin gewährt Thomas in seiner Serie "The Look of Food" einen Blick auf das Aussehen von Lebensmitteln in der heutigen Zeit. Inspiriert wurde der auch als Werbefotograf tätige Grimberg durch Aufträge für Heinz Ketchup: Dort entdeckte er eigenartig aussehende Plastiktüten mit fünf Kilogramm Soßeninhalt. Dies inspirierte ihn, sich heutige Lebensmittel genauer anzuschauen und so entstanden individuelle Porträts von Wassereis, chinesischem Senfgemüse, Schlangenhautgurami, Bonbons, Würste im Glas oder in einer Plastikhülle, Mais in Dosen und vielerlei mehr. Die eigentliche Funktion der Lebensmittel tritt dabei in den Hintergrund, sie werden vielmehr zu steril verpackten Objekten rein ästhetischen Interesses.

Sponsor für vier Meter breite Bilder gesucht

Drei Jahre lang hat Thomas Grimberg auch den Garten des Wolfenhäuser Wohnhauses in den verschiedensten Jahreszeiten als Panoramabilder festgehalten. Jedes Foto besteht dabei aus 26 Einzelaufnahmen, die mühevoll und bis ins kleinste Detail übereinstimmend zusammengefügt wurden. "Technisch total ausgefuchst", wie Barbara dazu sagt, haben die Originaldateien 400 Megabyte erlangt. "Ich bin noch auf der Suche nach einem Museum oder sonst jemandem, der mir mindestens vier Meter breite Abzüge dieser Dateien sponsert", fügt Thomas schmunzelnd an.

Wie kamen die beiden eigentlich zusammen? Nach ihrem Abitur am Gymnasium Philippinum Weilburg traute sich Barbara Schmidt (Jahrgang 1982) zunächst nicht, den Traum eines Fotografiestudiums zu verwirklichen. So probierte die Tochter eines Wolfenhäuser Lehrerehepaars erst einmal verschiedene andere Studiengänge aus - wie Anglistik, Philosophie, Frauen- und Geschlechterstudien, modernes Japan oder griechische Philologie, zunächst in Oldenburg, später in Düsseldorf.

Auf dem Weg zur Uni Düsseldorf fuhr sie immer an einem Fotostudio vorbei, das sie faszinierte. Eines Tages entschloss sie sich, einen Praktikumsplatz bei einem Fotografen zu suchen. Nach 40 telefonischen Absagen hatte sie schließlich den Fotografen Thomas Grimberg am Apparat, der ihr die Chance, sich vorzustellen, eröffnete. Und das war genau das Fotostudio, an dem sie immer vorbei gefahren war. Zu ihren Bewerbungsfotos sagte er nur: "Die schlechteste Mappe, die mir je vorgelegt wurde", aber er gab Barbara die Chance, mit einer guten Kamera neue Bilder zu erarbeiten. Und diese gelangen zu seiner Zufriedenheit und sie durfte bleiben.

Seit 2012 wieder in Wolfenhausen daheim

Thomas Grimberg ist 1962 in Köln geboren worden und hatte seine Anerkennung der künstlerischen Tätigkeit durch die Fachhochschule Köln erhalten. 1991 machte er sich mit eigenem Atelier selbstständig und war erfolgreich in der Werbefotografie tätig. Als Barbara dann einen der begehrten Studienplätze an der Kunstakademie Düsseldorf bekam, ermöglichte er ihr, künstlerische Arbeiten auch weiterhin bei ihm anzufertigen.

Sie waren ein gutes Team - und es entwickelte sich daraus eine Liebesbeziehung. 2012 zog das Paar nach Wolfenhausen in das Elternhaus von Barbara, um sich nur noch auf künstlerische Arbeiten zu konzentrieren. Immer wieder beteiligen sie sich an Ausstellungen, beispielsweise in Düsseldorf, Solingen, Essen, in der Eifel und anderswo. Und Thomas gehört auch der Künstlerkolonie im Weilburger Forum an und stellt mit der Gruppe im Museum Rosenhang aus.