Hessens erster Pflegebauernhof entsteht in Gladenbach

Bei einem Rundgang durch den Ort machen sich interessierte Bürger ein Bild davon, wie sich das Bild des "Happel Hof" in den nächsten beiden Jahren verändern soll. Foto: Sascha Valentin

Wo Mensch und Tier zuhause sein werden: Der "Hof Schönwasser" im Stadtteil Diedenshausen wird ein Pflegebauernhof, erste Bewohner können 2024 einziehen. Was genau geplant ist.

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GLADENBACH-DIEDENSHAUSEN. Guido Pusch spricht von einem historischen Moment nicht nur für das Dorf und die Stadt Gladenbach, sondern den gesamten Landkreis und sogar ganz Hessen. Denn in Diedenshausen soll in den nächsten Jahren der erste Pflegebauernhof des Landes entstehen.

Der aus dem Westerwald stammende Pusch ist der Gründer der Initiative "Zukunft Pflegebauernhof" und berichtete nun in einer Infoveranstaltung vor Ort, was die Menschen dort von dieser neuen Form des Zusammenlebens im Alter erwarten können.

Er selbst hatte 2019 den großelterlichen Bauernhof in Marienrachdorf (Rheinland-Pfalz) als Pionierprojekt zu einer solchen Wohngemeinschaft für Menschen mit körperlicher und kognitiver Beeinträchtigung umgebaut. Dafür ist Pusch mit dem Deutschen Demografiepreis ausgezeichnet und jüngst für den Deutschen Nachhaltigkeitspreis nominiert worden.

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Zwölf Höfe in sechs Bundesländern in Planung

"Mittlerweile befinden sich zwölf Höfe in sechs Bundesländern in der Planung - vom Bodensee bis an die Nordsee", erzählte Pusch. Auch international stoße das Projekt auf Aufmerksamkeit. Anfragen liegen unter anderem aus Frankreich, Österreich und Zypern vor und selbst aus Japan war bereits eine Delegation in Marienrachdorf zu Besuch und hat das dortige Konzept auf einen eigenen Pflegebauernhof übertragen.

Die dahintersteckende Idee ist eigentlich simpel und im Grunde an das Modell der historischen Großfamilie angelehnt, in der mehrere Generationen unter einem Dach zusammenleben und sich umeinander kümmern.

Ganz ähnlich sieht es auf einem Pflegebauernhof aus: Die Bewohner leben in kleinen Wohngemeinschaften mit eigenen Zimmern, aber auch gemeinsamen Alltagsbereichen. Dank Pflegekräften vor Ort kann im Bedarfsfall auch eine 24-Stunden-Betreuung gewährleistet werden. Einen zentralen Ankerpunkt in dem Konzept bilden aber auch die Tiere, die mit den Bewohnern in den Höfen leben und von diesen versorgt werden.

"Unsere Erfahrungen aus den ersten drei Jahren zeigt deutlich, dass diese Natürlichkeit des Zusammenlebens gerade für Menschen mit Demenzerkrankungen einen sehr positiven Effekt hat", berichtete Pusch. Zwar sei diese Krankheit nicht heilbar, aber indem die Betroffenen Aufgaben haben, um die sie sich kümmern, falle ihnen ihr Leben deutlich einfacher. "Man ist eben kein Leistungsempfänger, wie in einem typischen Pflegeheim, sondern steht mitten in einem natürlichen Lebensumfeld, in das man sich nach den eigenen Möglichkeiten einbringen kann und das einem auch selbst viel zurückgibt", betonte er.

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In Diedenshausen ist es Familie Kiefer aus Pohlheim, die das Konzept des Pflegebauernhofs in dem leer stehenden "Happel Hof" in der Dorfmitte umsetzen möchte. Künftig soll er den Namen "Hof Schönwasser" tragen, in Anlehnung an den gleichnamigen Bach, der an dem Vier-Seiten-Hof vorbeifließt. "Es wird lediglich Umbauten und Sanierungen, aber keine Neubauten von Gebäuden geben", erzählte Josephin Kiefer von den Plänen ihrer Familie. Nur der ehemalige Bullenstall werde um ein Stockwerk aufgestockt. Dort soll die erste von zwei Wohngruppen eingerichtet werden. Die zweite entsteht in dem ehemaligen Kuhstall.

Scheune wird zum Herzstück des Hofes

Pro Wohngruppe sind nach dem Pflegegesetz bis zu zwölf Wohnplätze möglich, weiß Kiefer. Wie viele es letztlich werden, vermochte sie noch nicht zu sagen. Das ehemalige Wohnhaus des Hofes soll für ein so genanntes Servicewohnen genutzt werden. "Dort können fünf bis sechs Menschen unterkommen, die noch selbstständig sind und nur verschiedene Dienstleistungen in Anspruch nehmen", erklärte sie. In den ehemaligen Schweinestall will Familie Kiefer selbst einziehen und die Scheune soll das Herzstück des Pflegebauernhofes bilden. "Dort wird es eine gemeinsame Küche, einen Aufenthaltsraum, ein Musik- und Lesezimmer und auch einen Raum für die Arbeit der Pflegekräfte geben", erzählte Kiefer. Hinzu kommt der große Garten, in dem Hochbeete und Gewächshäuser sowie Blühflächen für Bienen angelegt werden und natürlich auch die Tiere Platz finden sollen. "Vorgesehen sind Hühner, Hasen, Gänse oder Enten, Alpakas und vielleicht Kamerunschafe." Aber natürlich könne jeder Besucher auch sein eigenes Haustier mitbringen, wenn es sich in das Hofleben integriere.

"Dort wird es eine gemeinsame Küche, einen Aufenthaltsraum, ein Musik- und Lesezimmer und auch einen Raum für die Arbeit der Pflegekräfte geben."

Josephin Kiefer

Die vorsichtigen Planungen von Familie Kiefer gehen davon aus, dass sie selbst ihren Wohnbereich im kommenden Jahr beziehen können. Die Wohngemeinschaften sollen dann frühestens 2024 bezugsfertig sein.

Für Diedenshausen sei dieser Pflegebauernhof ein Glücksfall, sagte auch Landrat Jens Womelsdorf (SPD). Er biete ein Musterbeispiel dafür, wie wir das Leben im Alter im Dorf in Zukunft organisieren können und trage zum Erhalt und Stärkung der dörflichen Strukturen bei. Deswegen ist dem Landkreis dieses Projekt auch eine Förderung über 10.000 Euro wert, deren Bescheid Womelsdorf bei einem Rundgang durch "Happel Hof" an Familie Kiefer überreichte.

Voraussichtlich 18 neue Arbeitsplätze

Neben den Wohnplätzen für ältere und demente Menschen entstehen in dem neuen "Hof Schönwasser" aber auch neue Arbeitsplätze. In Marienrachdorf seien 18 Mitarbeiter auf dem Hof beschäftigt, berichtete Guido Pusch. Von einer Größenordnung geht er auch für Diedenshausen aus. "Und es ist ja nicht gesagt, dass es bei einem Pflegebauernhof bleibt.

Natürlich können auch in den Nachbardörfern und -gemeinden weitere Höfe auf diese Weise umgebaut werden", erklärte er. Benötigt würden sie in Zukunft auf jeden Fall. Denn die Zahl der Pflegeplätze halte mit dem Bedarf daran einfach nicht Schritt. Pflegebauernhöfe seien jedoch eine Möglichkeit, dies zu ändern.