Biedenkopfer gehört zum Ensemble von "Acting"

Kongeniales Duo: Der Berliner Schauspieler und Autor Mathias Kopetzki (l.) inszeniert "Acting" als Allegorie auf eine verrottete und kunstfeindliche Zeit. Lokalmatador Stefan Briel (r.) unterstützt ihn bei der Achterbahn der unterschiedlichsten Gefühle.  Foto: Carsten Wenzel

Zwei Chancen haben Kulturfreunde noch, um sich "Acting" in Marburg anzusehen. Mit dabei ist ein Lokalmatador aus Biedenkopf.

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MARBURG/BIEDENKOPF. Sefan Briel - Biedenkopfer kennen diesen Namen. Der Mann ist Sänger und Frontmann der Band "The Mangonuts". Mit ihr war er 2018 beim Deutschen Rock- und Pop-Preis Zweitplatzierter in der Kategorie "Bester Rocksänger". Er ist Gründungsmitglied des Kulturvereins "Bidkultur". Und - nicht zuletzt - spielte die Hauptrolle im Schlossfestspiel-Musical "Der Stadtbrand". Jetzt verkörpert der Biedenkopfer eine der Hautprollen in "Acting" in der Waggonhalle Marburg.

Es ist die graue, trostlose Atmosphäre einer Gefängniszelle, in der sich zwei ungleiche Schicksalsgenossen zum ersten Mal begegnen: Gepetto, schon eine zeitlang Zelleninsasse, und nach eigenen Angaben gerichtlich bestätigter "größter Betrüger aller Zeiten", und Robert, ein erfolgloser Schauspieler, der wegen Mordes einsitzt.

Besudelt mit Tomatensauce und splitterfasernackt

Argwöhnisch umlauern sich die beiden wie artfremde Raubtiere - bereit, die Schwäche des anderen zu ihrem Vorteil zu nutzen.

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Doch finden sie schnell Zugang zueinander durch die ebenso amüsanten, wie frustrierten Anekdoten Roberts aus der Welt des Schauspiels, welche beide - wenn auch nur für kurze Zeit - die bedrückende Enge der Zelle und die Ohnmacht ihrer Situation vergessen lassen.

Robert, der Schauspieler, scheint ein für alle Male abgeschlossen zu haben mit der Liebe für den einstigen Traumberuf.

Doch was für ihn nicht mehr als eine zynische Abrechnung mit der geplatzten Traumkarriere bedeutet, löst beim künstlerisch vollkommen unbeleckten und auch sonst ziemlich simpel gestrickten Gepetto den undefinierten Wunsch aus, von Robert zum Schauspieler ausgebildet zu werden. Und sei es nur, um sich "an seiner Ex" zu rächen, und bei Schauspielerinnen nach dem Drehtag "an der Hoteltür zu kratzen".

Was zunächst ziemlich aussichtslos anmutet (und gerade deshalb für den Zuschauer irrsinnig komisch), wird bald zu einer existenziellen Aufgabe, und zwar für beide Zellengenossen.

Schauspieler schonen weder sich noch das Publikum

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"Dies ist kein Gefängnis mehr, es ist ein Theater!", erkennt Robert nach der nervenaufreibenden Einstudierung von Hamlets berühmtem Selbstauslöschungs-Monolog, in der am Ende ein vollkommen derangierter, mit Spaghetti und Tomatensauce besudelter, splitterfasernackter Gepetto mehr hilflos als gekonnt die großen Worte zu verletzlichem, neuen Leben erweckt. "Dies ist ein Ort, wo wir uns ausprobieren, wo wir Fehler machen dürfen!" Es ist eine Achterbahn der unterschiedlichsten Stimmungen, durch welche die zwei grandiosen, beklemmend glaubwürdigen Charakterdarsteller Mathias Kopetzki (als ebenso leidenschaftlichem, wie frustriertem Robert) und Stefan Briel (als naivem und dennoch verschlagenen, lebensdurstigen Gepetto) die Zuschauer in der Marburger Waggonhalle in der knapp zweistündigen Inszenierung von "Acting", einem hierzulande eher unbekannten Meisterwerk des französischen Star-Dramatikers Xavier Durringer, hindurch jagen.

Der bisher vor allem als Musiker und Sänger in Erscheinung getretene Lokalmatador Briel und der aus TV, Film und von großen Bühnen bekannte und renommierte Berliner Schauspieler und Autor Kopetzki, welcher auch die Regie übernommen hat, schonen sich hier keine einzige Sekunde, bieten das Innenleben ihrer vielschichtigen Figuren mit beeindruckender emotionaler Offenheit und körperlichem Einsatz ungeschminkt feil.

Gefangen im Netz des beherrschenden Mammons

Die beiden in all ihrer Ohnmacht, in Frustration, der enttäuschten Lebensgier so unterschiedlichen, doch durch die Kraft des Theaters nah zusammenfindenden Protagonisten, wirken am Ende wie verzweifelt strampelnde Fliegen, gefangen im großen Spinnennetz des alles beherrschenden Mammons: der feindlichen, kalten Welt, in der nur materielle Dinge zählen, nur billige Verkaufsargumente - nicht der Idealismus eines sich selbst hinterfragenden Hamlets. In der keine Kunst, keine Jahrhunderte überdauernde Kultur mehr Platz findet, sondern ausschließlich nur noch das, was "primetime-tauglich" ist.

Fazit: "Acting" ist eine bitterböse, zum Brüllen komische Allegorie auf eine verrottete, kunstfeindliche Zeit.