Entstehen in Marburg Angsträume?

Dunkel, dunkler, Marburg? In der Stadt ist es mancherorts so düster, dass sich Ulrike Ristau unwohl fühlt - vor allem hier in der Uferstraße ist es extrem dunkel.

Die Energieeinsparungen machen die Stadt dunkler, viele Menschen haben deshalb Angst. Eine Marburger Anwältin sorgt sich um das subjektive Sicherheitsempfinden.

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Marburg. Mit schnellen Schritten eilt sie durch die Dunkelheit. Es ist erst 17.30 Uhr, aber es fühlt sich an wie mitten in der Nacht. Wenn Ulrike Ristau die letzten Meter ihres abendlichen Heimweges geschafft hat, ist sie heilfroh. Die Anwältin ist wahrlich kein ängstlicher Mensch, sagt sie. Aber ihr Weg nach Hause gleicht teilweise einem Blindflug.

„Jetzt arbeiten hier noch Menschen, aber wenn die weg sind, ist es total dunkel, seitdem die Beleuchtung der E-Kirche nicht mehr angeschaltet wird “, sagt sie und zeigt auf die im Boden eingelassenen Strahler, die normalerweise die Elisabethkirche bestrahlen würden, derzeit aber dunkel bleiben.

Die ausgeschaltete Beleuchtung an der E-Kirche ist nur ein Teil der Energie-Einsparversuche in Marburg. Die Stadt will bis zum Frühjahr 2023 rund 15 Prozent Energie weniger verbrauchen.

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Jede zweite Lampe aus

Das soll erreicht werden durch Warmwasser abstellen, Heizung drosseln und eben Licht ausschalten an repräsentativen Gebäuden. Schon im August kündigte die Stadtverwaltung an, dass die Beleuchtung von Rathaus, Erwin-Piscator-Haus, Theater neben dem Schwanhof sowie dem Theater neben dem Turm kurzfristig abgestellt werden.

Gleichzeitig appellierte die Stadt an andere Institutionen, mitzumachen und ebenfalls die Lichter „überall dort auszuschalten, wo sie nicht aus Sicherheitsgründen brennen müssen“, wie es hieß. Die Kirchengemeinde folgte, die Uni ebenso. Auch das Schloss wird seither nicht mehr angestrahlt.

Für viele Menschen wirkt allein dadurch ganz Marburg düster. Ulrike Ristau sorgt sich um das subjektive Sicherheitsempfinden. „Ich glaube nicht, dass sich viele ältere Menschen derzeit noch aus dem Haus trauen“, sagt sie und blickt auf die rabenschwarze Uferstraße.

Dort gibt es ohnehin wenig Lichtquellen und eine der Straßenlampen ist derzeit zusätzlich ausgefallen. Aus Energiespargründen ist die Straßenbeleuchtung zurzeit zudem noch reduziert. In der Zeit von 23.30 bis 6 Uhr wird in der Kernstadt jede zweite Lampe (Natriumdampflampe) ausgeschaltet. Die LED-Beleuchtung in den Stadtteilen wird in dieser Zeit dann auf 50 Prozent Helligkeit gedimmt ist, wie die Stadt auf Nachfrage bestätigt.

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Gewalttaten an den Lahntreppen

Das Sicherheitsgefühl in Marburg ist von jeher ein heiß diskutiertes Thema. An den Lahntreppen kam es in der Vergangenheit regelmäßig zu Gewalttaten. „Dabei ist es hier zumindest zu dieser Uhrzeit sogar noch recht hell – im Vergleich zu anderen Ecken in Marburg“, findet Ulrike Ristau auf ihrem abendlichen Gang durch Marburg und zeigt, was sie meint: In der Johannes-Müller-Straße, vorbei an der Baustelle bei St. Peter und Paul, sehen die Studierenden, die von der Unibibliothek kommen und zum Audimax laufen, die Hand vor Augen nicht. Die meisten leuchten sich den Weg mit dem Handy-Licht.

„Sicherlich gibt’s in der Stadt noch weitere Angsträume. Die Gassen in der Oberstadt sind ja auch sehr dunkel, das darf man nicht außer Acht lassen“, betont Ristau. Derzeit laufen zwei Befragungen der Stadt Marburg zum Thema Sicherheitsempfinden in öffentlichen Räumen.

1500 Menschen am Richtsberg und 4000 zufällig ausgewählte Marburgerinnen und Marburger wurden angeschrieben und nach Sicherheitsthemen, eigenen Erlebnissen und Verbesserungswünschen gefragt. Erste Ergebnisse sollen in den kommenden Wochen bekanntgegeben werden, wie die Stadtverwaltung auf Anfrage bestätigt.

Von Nadine Weigel