Vom Massagegerät zum Vibrator: Marburgerin schreibt Buch

Nadine Beck mit einem mehr als 80 Jahre alten "Sanax"-Vibrator. Für ihr Buch "Plug + Play" hat sie die Geschichte von Liebesspielzeug erforscht.  Foto: Mark Adel
© Mark Adel

Massieren, polieren, lieben: Die gebürtige Marburgerin Nadine Beck hat ein Buch über die Geschichte des Vibrators geschrieben. Im Video stellt sie ein Gerät aus der ersten...

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MARBURG. Ein langes Stromkabel, ein silber glänzendes Gerät in Form eines Haartrockners, verschiedene Aufsätze aus Gummi: Das ist der "Sanax"-Vibrator, der in den 1920er-Jahren als Massagegerät verkauft wurde. Eigentlich sollte er Verspannungen lösen und Doppelkinne wegreiben, doch schnell war der Sanax auch für Anwendungen unter der Gürtellinie beliebt.

Der 80 Jahre alte Vibrator ist nur eines von Dutzenden Geräten, die Kulturwissenschaftlerin Nadine Beck in den vergangenen Jahren gefunden und erforscht hat - im Sinne der Wissenschaft. Die gebürtige Marburgerin promoviert über das brummende Liebesspielzeug. Nun ist ihr Buch "Plug + Play: 150 Jahre Vibrator - Ein Jubelband" erschienen.

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1869 entwickelte ein amerikanischer Arzt den ersten Vibrator. Dieses Jubiläum ist im Titel erwähnt, das zweite möglicherweise noch bedeutsamer: Vor 50 Jahren hat Versenderin Beate Uhse den "Massagestab" in Deutschland eingeführt. Frauen (oder Männer) müssen fortan beim Liebesspiel allein oder zu zweit nicht mehr auf Produkte zurückgreifen, die primär für andere Anwendungen vorgesehen sind.

Vibratoren gab es aber schon früher, wenn auch eigentlich für andere Anwendungen konzipiert. In den Bedienungsanleitungen, etwa vom "Sanax" wird ausschließlich der medizinische und kosmetische Nutzen beschrieben.

Der Schmuddelecke entwichen ist das Erwachsenen-Spielzeug erst in jüngerer Zeit. "Das Image verändert sich, was gut ist. Das Thema wird enttabuisiert", sagt Nadine Beck. Sie ist dafür, auch über Selbstbefriedigung offen zu sprechen: "Es ist menschlich", und Freudenspender in Phallusform gebe es schon seit Jahrhunderten in verschiedenen Kulturkreisen. Dennoch gebe es noch immer die "Tradition des Nicht-darüber-Redens".

Das Buch ist auf Grundlage ihrer Doktorarbeit entstanden, die im Winter fertig sein soll. Dafür habe sie ein tabuisiertes Thema gesucht und eigentlich über Sex im Seniorenheim schreiben wollen.

Wie haben sich Vibratoren in deutschen Schlafzimmern verbreitet? In mehreren Aufrufen hat sie Bürger in Deutschland animiert, anonym über ihre Erfahrungen mit Sexspielzeug vergangenen Jahrzehnte zu sprechen, aber auch Pornofilme aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gesichtet.

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Während der Recherchen stieß sie auf ein Gerät namens "Komet", der wie ein zu klein geratenes Bügeleisen wirkt. "Das hat echt Bums, die Vibration wird sehr wertgeschätzt", erzählt die 42-Jährige. Auch dieses Teil wirkt trotz seines Alters wertig und liegt schwer in der Hand, "es ist vielfach heute noch in Gebrauch". Verkauft wird der Komet noch auf Flohmärkten und in Online-Auktionen. Er stammt aus der damaligen DDR, wo Vibratoren verboten, Massagegeräte aber erlaubt waren.

Offiziell sollte auch dieses Gerät Verspannungen in anderen Körperregionen beseitigen. Gerade Ostdeutsche hätten viel über ihre Erfahrungen erzählt, sagt Nadine Beck. Die seien "ganz entspannt, aufgeklärt, aber offen." Besonders viele Rückmeldungen habe sie aber auch aus Hessen erhalten, aus ihrer Wahlheimat Hamburg hingegen nicht eine.

Gerade mit Sexualität in der einstigen DDR will sich Nadine Beck noch befassen und weiter forschen. Vieles sei noch nicht geklärt, etwa, ob und wie Fetische ausgelebt werden konnten - das war ebenso verboten wie der Vibrator. "Der Mauerfall war auch eine sexuelle Wende."

Bei ihren Recherchen ist sie aber auch auf ganz praktische Alltagshelfer gestoßen. Etwa den Massagestab, in dessen Deckel zugleich noch ein Rasierer verborgen ist.

Lange werden die wahren Vorzüge von Vibratoren in den Werbeanzeigen nur indirekt umschrieben. Der Hersteller eines Multifunktionsgeräts preist sein Produkt etwa als "wahren Freund" bei vielen "Mach-es-selbst-Arbeiten" an, denn der Massator kann schleifen, Autos polieren oder eben andere Dienste erweisen, die nicht näher benannt werden.

Nadine Beck erzählt im Buch mit kurzen, unterhaltsamen Texten und vielen Abbildungen die Vielfalt der Vibratoren. Vor allem der Massagestab wird in den 70er-Jahren mit blumigen Worten beschrieben und in verschiedenen Variationen angepriesen, sei es als "Schwarzer Bohrer", "Wunder des Orients" oder "Phallus-Glück".

Inzwischen ist das Liebesspielzeug auch in der Fernsehwerbung angekommen, wird nicht mehr automatisch in der Schmuddel-Ecke verortet. Für Nadine Beck ist das auch ein emanzipatorischer Erfolg. "Es gibt noch immer unterschiedliche Meinungen, wie Frauen zu sein haben."

Im Erotic Art Museum in St. Pauli hat die 42-Jährige in der vergangenen Woche eine Ausstellung mit historischen Vibratoren eröffnet, im Winter soll die Doktorarbeit fertig sein. Ganz loslassen wird sie die Selbstliebe auch danach nicht: "Es ist zur Herzensangelegenheit geworden."