Apotheken im Dillkreis kämpfen um knappe Medikamente

Derzeit Mangelware: Schmerz- und Fiebersäfte sind derzeit schwer zu bekommen. Von Woche zu Woche werde es mehr Medikamente, die nicht lieferbar sind, sagt Apothekerin Barbara Thomas. Foto: Katrin Weber

Woche für Woche sind es mehr Medikamente, die nicht lieferbar sind. Woran das liegt und wie heimische Apotheken mit den Engpässen umgehen. 

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Dillenburg/Eschenburg. Fiebersäfte für Kinder, Elektrolyte, Antibiotika oder Schmerzmittel – die Liste der Arzneimittel, die gerade schwer zu bekommen sind, wird beinahe täglich länger. Leidtragende dieses Engpasses, der auch mit der Corona-Pandemie zusammenhängt, sind am Ende die Patienten. Und die Apotheken, die Tag für Tag darum kämpfen müssen, an bestimmte Medikamente zu kommen.

„Was habt ihr heute auf Lager?“, sei deshalb praktisch täglich die Frage an die Zwischenhändler, berichtet Philipp Hanke, Inhaber der Holderberg-Apotheke in Eibelshausen.

Die Gründe für die Probleme, die schon seit zwei bis drei Jahren bestehen, seien vielfältig, erklärt er. „Es ist keine gute Idee gewesen, alles ins Ausland zu verlagern“, weist er auf eine Ursache hin. China und Indien sind die größten Produzenten für Wirk- und Hilfsstoffe – und das hat derzeit massive Auswirkungen auf die Arzneimittel-Versorgung weltweit.

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Starke Beschränkungen in China sorgen fr Probleme

Weil China die Ausbreitung des Coronavirus mit rigorosen Beschränkungen zu verhindern sucht, kommt es beispielsweise immer wieder zur Schließung großer Häfen, wie den von Shanghai. Und wenn der dicht ist, ist auch die Lieferkette für die Wirk- und Hilfsstoffe unterbrochen.

Ähnliche Probleme gebe es in Indien, wo Werke geschlossen worden seien, weil bestimmte Vorgaben nicht erfüllt werden konnten.

Der Wirkstoff Ibuprofen wird nur noch in fünf Werken weltweit hergestellt.

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Philipp Hanke, Apotheker, Holderberg-Apotheke in Eibelshausen

Verbunden damit ist ein zweites Problem: „Der Wirkstoff Ibuprofen wird nur noch in fünf Werken weltweit hergestellt“, beschreibt Hanke eine zunehmende Zentralisierung bei der Produktion. Weil ein großes Werk von BASF in Bishop in den USA, das bislang 5000 Tonnen des Wirkstoffs produzierte, ausgefallen ist, sind die verbliebenen Werke in China, Indien und den USA am Anschlag.

Die eigentliche Ursache dieser Entwicklung ist aus Hankes Sicht allerdings hausgemacht: „Alles soll immer günstiger produziert werden.“ An diesem Kostendruck sind auch die Rabatt-Verträge der Krankenkassen beteiligt.

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Rückverlagerung nach Deutschland sei nicht kurzfristig umzusetzen

So wurde über Jahre immer mehr ins Ausland verlagert. Inzwischen sei zwar die Einsicht gereift, dass das keine gute Idee gewesen sei. Die Produktion wieder nach Europa oder Deutschland zu verlagern, sei aber nicht von heute auf morgen möglich.

Und dann gibt es noch ganz andere Ursachen, die gar nichts mit der Produktion und Lieferketten zu tun haben. Weil Influencer Werbung für das Elektrolyt Elotrans als Anti-Katermittel gemacht hatten, wurde das Mittel, mit dem eigentlich Durchfall und Erbrechen kuriert werden sollen, knapp.

Immer mehr Medikamentenfächer sind leer. "Von Woche zu Woche sind es mehr Medikamente, die nicht lieferbar sind", sagt Apothekerin Barbara Thomas. Foto: Katrin Weber
Immer mehr Medikamentenfächer sind leer. „Von Woche zu Woche sind es mehr Medikamente, die nicht lieferbar sind“, sagt Apothekerin Barbara Thomas. (© Katrin Weber)

Von fast 160 sogenannten Defekten, also Medikamenten, die die Apotheke derzeit nicht bekommt, berichtet Barbara Thomas von der Apotheke am Postamt in Dillenburg. „Die Situation ist schon länger angespannt, wird aber von Woche zu Woche massiver“, sagt sie und bestätigt die Gründe für die Probleme.

Gerade Schmerz- und Fiebersäfte für Kinder seien nicht lieferbar, ebenso die passenden Schmerzzäpfchen. Für Erwachsene sei Erkältungsmedizin Mangelware. „Es fehlen auch Antibiotika beispielsweise gegen Blasenentzündung“, beschreibt Thomas und schaut mit Sorge auf Blutdrucksenker und Schilddrüsenmedikamente: „Hier geht es jetzt los, dass die Medikamente nur noch schwer zu besorgen sind.“

Ich bin seit über 30 Jahren Apothekerin. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich im Notdienst für ein Kind keinen Paracetamolsaft mitgeben kann.

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Barbara Thomas Apothekerin, Apotheke am Postamt in Dillenburg

Die Lage sei ernster als gedacht, weil es immer mehr Medikamente würden, die nicht lieferbar seien. Thomas: „Ich bin seit über 30 Jahren Apothekerin. Ich hätte mir nie träumen lassen, dass ich im Notdienst für ein Kind keinen Paracetamolsaft mitgeben kann.“

In ihrer Apotheke versucht das Team, Mängel zu kompensieren. Die Mitarbeiter seien teilweise bis zu einer Dreiviertelstunde am Tag damit beschäftigt, Alternativen zu finden.

Die Liste der Medikamente, die nicht mehr lieferbar sind, wird immer länger. Aktuell sind rund 160 Medikamente betroffen. Foto: Katrin Weber
Die Liste der Medikamente, die nicht mehr lieferbar sind, wird immer länger. Aktuell sind rund 160 Medikamente betroffen. Foto: Katrin Weber (© Katrin Weber)

Vor dieser Aufgabe sehen sich nicht nur die Apotheken. Auch die Ärzte stehen vor der inzwischen tagtäglichen Herausforderung, einen Ersatz für das bislang verschriebene, nun aber nicht mehr verfügbare Medikament ihrer Patienten zu finden.

Wechselwirkungen spielen bei Alternativen eine Rolle

„Verträgt der Patient das und wie sieht es mit Wechselwirkungen zu anderen Medikamenten aus?“, beschreibt Hausarzt Dietrich Orth die entscheidenden Fragestellungen bei der Suche nach einer Alternative.

Bei Dauermedikationen stelle sich zudem die Frage, ob man ganz auf ein anderes Arzneimittel umstelle, erklärt Orth. Weil der Ausfall nicht nur verbreitete Wirkstoffe wie Ibuprofen betreffe, sondern auch Medikamente, die für eine bestimmte Erkrankung entwickelt wurden, gestalte sich die Suche nach einem Ersatz mitunter schwierig.

Insbesondere für ältere Patienten und solche, die dauerhaft mehrere Medikamente einnähmen, erhöhe sich durch die Engpässe das Risiko. Weil aber weder Ärzte noch Apotheker an den Ursachen des Mangels etwas ändern könnten, gehe es nicht zuletzt darum, ruhig und sachlich mit dem Problem umzugehen.