Hund bei Driedorf gerettet: Große Reise des kleinen Timon

Timon heißt der kleine Hund, der in der Silvesternacht auf der Bundesstraße 255 bei Driedorf entdeckt wird.

Es ist ein Silvester-Wunder: Zufällig haben Tierfreunde auf der B255 einen Schoßhund entdeckt, der vor dem Feuerwerk geflüchtet war – fünf Kilometer weit.

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Driedorf. Als das neue Jahr eine halbe Stunde alt ist, zischen die Silvester-Raketen noch immer am Nachthimmel. Es knallt, leuchtet und pfeift. Es ist laut. Und irgendwo am Boden rennt ein kleiner Hund um sein Leben.

Timon heißt das Tier – ein Havaneser. Der Schoßhund ist rund 25 Zentimeter klein und hat winzige Beinchen. Etwa fünf Kilometer liegen hinter ihm, als er mitten auf der Bundesstraße 255 steht. Ganz in der Nähe des Driedorfer Ortsteils Roth, auf Höhe des Hofguts Rehbachtal.

„Plötzlich habe ich etwas kleines Weißes gesehen”, erinnert sich Mareike Haas an die Silvester-Nacht. Zufällig ist die Steinbacherin kurz nach 0 Uhr mit ihrem Bruder Henrik unterwegs. Der Grund hat ebenfalls vier Beine: Um Hündin Luna vor den Feuerwerken zu bewahren, steigen die Geschwister kurz vor Tageswechsel mit ihr ins Auto – und fahren eine Stunde durch die Gegend. Teils auf der Bundesstraße und teils auf der leeren Autobahn.

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Als sie den kleinen Hund entdecken, sind sie gerade auf dem Heimweg – nach Waldaubach, wo die Eltern wohnen. „Mitten auf der Straße lief dieser kleine Hund herum. Er war total neben der Spur”, erzählt die Tierfreundin. Immer wieder rasen Fahrzeuge vorbei. Kurzerhand dreht das Geschwisterpaar mit dem Auto um. Doch der kleine Timon huscht pfeilschnell weiter – und verschwindet im Gebüsch. Es ist ein Hin und Her. Bis der Hund dem Abzweig Richtung Schönbach folgt.

Diesen, etwa fünf Kilometer langen Weg könnte der kleine Hund gelaufen sein.

„Wir haben wieder angehalten und die Tür geöffnet. Zum Glück hatten wir Leckerlis dabei. Also haben wir auf ihn eingeredet, bis er zu uns kam ”, berichtet Mareike Haas. Es dauert nicht lange – dann springt Timon in den Fußbereich des Autos, klettert auf ihren Schoß und kuschelt sich in die Jacke ein. Wenige Minuten später erreichen die Retter Waldaubach – und bringen das Tier zusammen mit Hündin Luna in ein ruhiges, warmes Zimmer. Zu diesem Zeitpunkt ist es schon 1.30 Uhr.

Muss sich erst einmal erholen: Für Havaneser Timon endet die Silvesternacht auf der Bundesstraße 255 – dann retten ihn aufmerksame Tierfreunde.
Muss sich erst einmal erholen: Für Havaneser Timon endete die Silvesternacht auf der Bundesstraße 255 – dann retteten ihn aufmerksame Tierfreunde. (© Mareike Haas)
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Haas zögert danach nicht lange: Ehrenamtlich engagiert sie sich gelegentlich für das Tierheim in Dillenburg. Sofort schreibt sie einer Mitarbeiterin eine WhatsApp-Nachricht und berichtet von dem Fund. Dann steigt die Steinbacherin wieder ins Auto und nimmt das Tier mit nach Hause. Dort errichtet sie im Wohnzimmer kurzerhand ein Matratzen-Lager für den kleinen Gast. „Er war total lieb und zutraulich, hat sich gleich zu mir ans Fußende gelegt und geschlafen.”

Um 10 Uhr am Neujahrsmorgen klingelt schließlich das Telefon. Am anderen Ende der Leitung ist das Tierheim – mit einer guten Nachricht. In Dillenburg habe sich eine Frau gemeldet, die ihren kleinen Hund suche. Die Beschreibung des Tiers passt eins zu eins. Gleich wird der Kontakt hergestellt – und kurz darauf ist Timons überglückliche Besitzerin am Apparat.

Besitzer kommen aus den Niederlanden

So setzt sich das Puzzle zusammen: Die Besitzer stammen aus den Niederlanden. Silvester verbringen sie bei Freunden am Heisterberger Weiher. Während des Feuerwerks sei das Tier entlaufen – und nicht wieder aufgetaucht. „Sie war am Telefon total aufgelöst, aber auch sehr dankbar”, blickt Mareike Haas zurück. Bis tief in der Nacht hätten die Frau und ihr Ehemann nach dem Hund gesucht. Als die Holländerin telefoniert, ist der Mann schon wieder unterwegs.

Dann geht alles ganz schnell: Kurze Zeit später steht der Besitzer mit seinem Bekannten vor der Tür. Dann erfährt die Retterin auch den echten Name ihres Schützlings, den sie spontan „Mäxchen” getauft hatte. „Timon ist gleich zu seinem Herrchen gerannt und hat ihn vor Freude abgeschleckt. Der Mann hat sich tausend Mal bedankt.” Auch mit einer Spende für das Dillenburger Tierheim.

Tierheim-Leiterin gibt wichtige Tipps

Was die Suche erschwert hätte, wenn die Retter nicht aufgetaucht wären: Der Hund ist nicht bei der kostenlosen Tierdatenbank TASSO registriert – was sich nun ändern soll. Außerdem wollen die Besitzer ein Tracking-Halsband besorgen.

Experten raten zur Registrierung – auch Christine Nickel, die Leiterin des Tierheims in Dillenburg. Sie gibt Tipps, wie entlaufene Tiere wieder gefunden werden können. Es gebe verschiedene Wege, einen Hund „abzusichern”: „Das sind ganz einfache Dinge.”

Kleiner Eingriff, große Wirkung: Wer sein Haustier chippen lässt, sorgt dafür, dass es identifizierbar bleibt. 
Kleiner Eingriff, große Wirkung: Wer sein Haustier chippen lässt, sorgt dafür, dass es identifizierbar bleibt.  (© dpa)

Am Halsband könne man eine Plakette mit Name und Adresse befestigen. Wichtig sei, darauf zu achten, dass dieses tatsächlich hält. Verbreitet seien heutzutage auch GPS-Tracker, die es etwa in Zoofachgeschäften gebe. Eine Handy-App könne dann anzeigen, wo sich der Hund befinde. Eine Registrierung sei unerlässlich und mache vieles einfacher.

Besondere Vorsicht sei rund um Silvester geboten, weiß die Tierheim-Leiterin. Gerade dann, wenn draußen die Böllerei beginne. „Manchmal fängt das ja schon zwei Tage vorher an.” Einige stellten den Fernseher oder das Radio laut, andere setzten, in Absprache mit dem Tierarzt auf Medikamente. „Am wichtigsten ist es aber, achtsam zu sein”, betont Nickel. Das heißt: Möglichst sollten Besitzer gar nicht mit dem Tier rausgehen, wenn die Feuerwerke starten. Ebenfalls wichtig: Den Hund an der Leine halten.

Immer wieder entlaufen Tiere zum Jahreswechsel

Zum Jahreswechsel häufen sich die Anrufe im Tierheim – auch dieses Mal. Immer wieder meldeten sich besorgte Besitzer, die ihre Haustiere suchen. Oft gehe es nur um einen kleinen Moment der Unaufmerksamkeit, sagt die Leiterin. Immerhin: Die meisten Hunde, die dieses Mal entlaufen sind, seien schon wieder zu Hause.

So wie der kleine Timon. Nach einem gefährlichen, fünf Kilometer langen Abenteuer – mit einem guten Ausgang. Auch dank der Retter.