Herborner Kinderarzt: „Es rufen ständig Leute an“

Kleiner Patient: Dr. Gebhard Buchal hört ein Kind in der DRK-Kinderklinik in Siegen ab. Dort sorgen RS-Virus und Grippe derzeit für eine hohe Belastung. Das Foto entstand in der Zeit vor der Corona-Pandemie (Archivfoto).

Durch RSV- und Grippe-Welle steht die Kindermedizin zunehmend unter Druck. Schuld daran ist aber auch Grundsätzliches. Kinderärzte aus Herborn, Haiger und Siegen berichten.

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Haiger/Herborn/Siegen/Marburg/Gießen. In den Kinderkliniken sind die Betten knapp. Das zeigt eine Umfrage der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). Auch die Kinderarztpraxen sind stark belastet. Das liegt aber nicht nur an den akuten Infektionswellen, sondern auch an chronischen Krankheiten des Gesundheitssystems.

„Sobald ein Bett frei wird, wird es eigentlich gleich wieder belegt“, schildert Dr. Gebhard Buchal die Situation auf der Intensivstation der DRK-Kinderklinik in Siegen. Der Chefarzt der Allgemeinpädiatrie teilt am 7. Dezember mit, dass in der Siegener Klinik 22 von 24 Intensivbetten belegt sind.

Sobald ein Bett frei wird, wird es eigentlich gleich wieder belegt.

DG
Dr. Gebhard Buchal Chefarzt der Allgemeinpädiatrie an der DRK-Kinderklinik in Siegen
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Ähnlich angespannt ist die Lage in den Kinderkliniken des Universitätsklinikums Gießen und Marburg (UKGM). Am Marburger Standort sind alle 14 Intensivbetten belegt, berichtete Professorin Stefanie Weber, Direktorin der Klinik, am 2. Dezember. Am Gießener Standort sah es an diesem Tag einer Pressesprecherin des UKGM zufolge ähnlich aus.

In den Lahn-Dill-Kliniken gibt es keine Intensivstation für Kinder, auch keine Normalstation mehr, teilt eine Sprecherin der Krankenhäuser mit.

Chefarzt Buchal geht nicht davon aus, dass sich die Belastung der Kliniken in naher Zukunft ändert, gar besser wird. „Wir haben die Sorge, dass der Peak noch nicht erreicht ist“, sagt der Siegener Arzt. Der Peak, also der Höhepunkt, bezieht sich auf die derzeitige Infektwelle des Respiratorischen Synzytial-Virus (RSV).

RSV-Wellen treten regelmäßig in der kalten Jahreszeit auf. Fieber, eine laufende Nase, Husten und Atembeschwerden sind typische Symptome. Grundsätzlich kann sich jeder mit dem Erreger infizieren. Säuglinge und Kleinkinder sind aber besonders anfällig für schwere Verläufe.

„Die RSV-Welle baut sich immer weiter auf und macht bei vielen Kindern die Behandlung mit Atemunterstützung notwendig“, erklärt Divi-Kongresspräsident Professor Sebastian Brenner. Die Divi geht nicht davon aus, dass es für die schweren Fälle dieser RSV-Welle genügend Kinder-Intensivbetten gibt.

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Dazu kommt die jährliche Influenza-Welle, sagt Buchal. „Die rollt gerade auf uns zu.“

Für ihre Umfrage hat die Divi Daten von 110 Kinderkliniken in Deutschland ausgewertet. Die Zahlen beziehen sich auf den 24. November. An diesem Tag meldeten die Kliniken lediglich 83 freie Intensivbetten. Also rechnerisch weniger als ein Bett pro Klinik. Auch die Normalstationen kommen an ihre Grenzen. 43 der 110 Kliniken hatten dort am Stichtag kein einziges freies Bett mehr. In der DRK-Kinderklinik Siegen sind am Nachmittag des 7. Dezembers auf der Normalstation noch fünf von 60 Betten frei. Das ist aber nur eine Momentaufnahme. „Bis in den Abend dürften die auch voll sein“, sagt Chefarzt Buchal. Wenn die Siegener Klinik in der Nacht trotzdem noch Betten bräuchte, müsste sie womöglich geplante Aufnahmen von Kindern wegen nicht lebensnotwendiger Behandlungen verschieben, erklärt der Arzt.

Die DRK-Kinderklinik habe Patienten auch schon abweisen müssen. Dann habe sie versucht, sie in anderen Kliniken unterzubringen. Doch auch diese Option sei zunehmend ausgeschöpft: „Es gibt keine Möglichkeit, sie in andere Kliniken zu verlegen“, sagt Buchal. Die seien schließlich auch ausgelastet. Damit Kinder trotzdem versorgt werden, versuche die Siegener Klinik, vorübergehend neue Betten zu schaffen.

Aktuell kann ich nur Kinder, die Probleme mit der Sauerstoffsättigung haben oder sehr klein sind, in eine Klinik schicken.

DM
Dr. Mia Trendafilow Kinderärztin aus Haiger

Die angespannte Lage der Kliniken trifft auch die Kinderarztpraxen. „Die Belastung ist hoch. Es rufen ständig Leute an“, sagt der Herborner Kinderarzt Detlef Koßmagk. Die Haigerer Kinderärztin Dr. Mia Trendafilow berichtet: „Aktuell kann ich nur Kinder, die Probleme mit der Sauerstoffsättigung haben oder sehr klein sind, in eine Klinik schicken.“ Andere Fälle, die sie normalerweise für eine stationäre Behandlung in eine Klinik geschickt hätte, versorge sie mittlerweile ambulant in ihrer Praxis. Das belastet.

Auch finanziell, sagt Koßmagk. „Wir werden nicht für das honoriert, was wir tun“, findet der Herborner Kinderarzt. Hausärzte erhalten von den Krankenkassen beziehungsweise den Kassenärztlichen Vereinigungen ihre Vergütung. Diese wird unter anderem anhand sogenannter Kopfpauschalen ermittelt. Heißt: Pro Patient gibt es einen festen Betrag. Wie oft der Arzt seinen Patienten behandeln muss, hat aber nachträglich keinen Einfluss auf die Höhe dieses Betrags. Heißt vereinfacht gesagt: Mit den Infektwellen steigt der Aufwand, aber nicht das Budget.

Wir werden nicht für das honoriert, was wir tun.

Detlef Koßmagk Kinderarzt aus Herborn

Koßmagk weist auf weitere strukturelle Probleme hin. Viel Bürokratie, Druck und der Fachkräftemangel machten den Beruf unattraktiv. Es gebe kaum junge Ärzte, die bereit seien, eine eigene Praxis zu eröffnen oder die Praxis eines Kollegen fortzuführen. Besorgt um die ärztliche Versorgung fragt der Mediziner: „Was wird in zehn Jahren passieren?“ Je weniger Ärzte es gibt, desto mehr Arbeit haben die, die noch da sind.

Mehr Personal würde auch den Kinderkliniken helfen. Dann könnten sie mehr Intensivbetten nutzen. Laut Divi stehen den 110 Kinderkliniken, die an der Umfrage teilgenommen haben, theoretisch insgesamt 607 Intensivbetten zur Verfügung. Knapp 40 Prozent dieser Betten (240) können sie aber nicht betreiben. Etwa 72 Prozent der Kliniken sagen, dass das an fehlendem Personal liegt. (In Siegen können jedoch alle Intensivbetten genutzt werden.)

Dass die RSV-Welle Kliniken und Praxen so unter Druck setzt, ist offenbar auch ein Symptom der Probleme des Gesundheitssystems. Dr. Thomas Fischbach, Präsident des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte, sagt: „Wir arbeiten (...) auch ohne die derzeitige Infektwelle bereits am Limit.“