Wladimir Kaminer kommt nach Herborn

Eine Szene aus dem Film "Russendisko".
© dpa

Viele kennen seinen Bestseller-Roman „Russendisko“. Am Samstag eröffnet der Autor mit russischen Wurzeln den Kultursommer Mittelhessen in der „KulturScheune“ in Herborn.

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Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer.
Der deutsch-russische Schriftsteller Wladimir Kaminer.
© dpa

Sie eröffnen mit Ihrer Lesung am 10. Juni den Kultursommer Mittelhessen in der „KulturScheune“ in Herborn. Kennen Sie Herborn, oder waren Sie vielleicht sogar schon mal dort?

Eigentlich muss ich von Herborn schon mal gehört haben, weil ich seit gefühlt einem Vierteljahrhundert in Deutschland unterwegs bin. Ich dachte, ich hätte schon alle Städte besucht. Aber anscheinend ist das nicht so. Aber ich freue mich. Mit dem Besuch in Herborn werde ich mit gutem Recht behaupten können: Ich habe alle Städte besucht.

Was ist das Besondere an solchen Veranstaltungen vor Publikum?

Das Besondere ist, dass das Publikum eigentlich immer sehr herzlich ist. Ich glaube, dort kommen nicht jeden Tag Künstler vorbei, deswegen kann man sehr gut mit den Menschen ins Gespräch kommen. Und ich weiß auch, dass viele Landsleute von mir dort wohnen.

Der Titel Ihres Buches lautet „Wie sage ich es meiner Mutter“ – worüber wollen Sie mit Ihrer Mutter sprechen oder was wollen Sie ihr sagen?

Es geht darum, dass meine Kinder, die beide so um die 20 sind und sehr ökologisch bewusst leben, versuchen, meine Mutter, also ihre Oma, umzuerziehen. Damit sie auch umweltbewusst lebt. Und meine Mutter wird dieses Jahr 92 Jahre alt. Sie ist aber superfit und auch sehr interessiert an dieser „neuen heilen Welt“, die jetzt mit einer solchen Drastik durchgesetzt wird. Sie versteht bloß oft nicht, was Sache ist. Also muss ich dolmetschen. Und ich versuche dadurch, nicht nur zwischen Generationen zu übersetzen, sondern mir auch selbst ein Bild von unserer Zukunft zu machen.

In dem Buch geht es auch um Konflikte oder Missverständnisse zwischen den Generationen und vielleicht auch der Kulturen. Welche Missverständnisse gibt es, wenn Sie gemeinsam mit Ihren Kindern am Tisch sitzen?

Ein sehr präsentes Thema ist die „falsche“ Ernährung und dass die Menschen noch immer ausblenden, dass sie irgendwelche halb verwesenden Leichenteile von gefolterten Tieren kaufen und essen. Das gehört eigentlich nicht in das Gepäck eines modernen Menschen. Aber die andere Seite behauptet dann: Die Chicken-Wings, die schmecken einfach. Und daraus entstehen oft sehr lustige Diskussionen. Es ist ja bekannt, dass die jüngeren Menschen die Welt unbedingt verändern oder wie das heute auch heißt, retten wollen. Wobei die älteren Menschen eigentlich nichts dagegen haben, die Welt zu retten. Aber eben nicht jetzt. Sondern später. Wenn man quasi über Nacht die Welt retten möchte, dann bedeutet das, nicht mehr zu reisen und nicht mehr zu grillen und keine Chicken-Wings mehr. Und da fragen sie sich dann immer: „Ob sich das lohnt?“

Fallen Ihnen Dinge ein, die die Generationen voneinander lernen können?

Schach spielen zum Beispiel. Meine Mutter kann gut Schach spielen, obwohl sie sehr lange nachdenkt. Die jungen Menschen denken gar nicht so lange nach, sondern die wollen die Antworten sofort parat haben. Dieses lange Grübeln, das liegt ihnen nicht so. Das kann man beispielsweise lernen von der älteren Generation. Gleichzeitig ist die ältere Generation häufig unfähig, Entscheidungen zu treffen. Ich glaube, wir sitzen doch immer noch alle im selben Boot. Aber: Wir müssen im Gespräch bleiben. Das ist das Wichtigste. Das ist wichtiger als irgendwelche fertigen Weisheiten. Es ist für mich zumindest von großer Bedeutung, dass wir im Gespräch bleiben. Das sehe ich auch an diesem unsäglichen Krieg, der uns jetzt alle beschäftigt und auch alle angeht. Es wird sehr viel über die Zukunft der Ukraine gesprochen. Aber was wird mit Russland passieren? Sie haben kein Ausstiegsangebot bekommen vom Westen. Was würde passieren, wenn das Regime kippt und Russland eben dieses Unheil beendet? Was wird passieren? Irgendein Zukunftsentwurf, irgendeine Variante muss es doch geben. Darüber spricht niemand. Ich bin dafür, dass wir im Gespräch bleiben. Klar: Wir sind sehr unterschiedliche Menschen. Das sind nicht nur die Generationen oder die Kulturen oder die Länder. Sondern, das ist einfach so. Und es funktioniert nicht, die Augen zu schließen und zu sagen: Die anderen, die gibt’s nicht. Oder die interessieren uns nicht. Dafür ist unser Planet zu klein.

Jetzt haben Sie den Krieg schon mal erwähnt. Wie häufig werden Sie auf das Thema angesprochen?

Ich habe kein Problem damit, auf den Krieg angesprochen zu werden. Ich denke sogar: besser ich als ein anderer. Jetzt gerade, wo die Emotionen so überkochen. Zurecht auch. Das ist alles nachvollziehbar und verständlich. Alles, was den Russen vorgeworfen wird. Trotzdem liegt die Schuld an dem Krieg am Regime und nicht an der Bevölkerung. Sie haben keinen Krieg entfesselt. Sie waren einfach zu dumm, blöd und naiv, dass sie sich einreden ließen, sie brauchen kein politisches Personal, sie müssen sich nicht um die politische Situation im Land kümmern. (...) Und jetzt haben sie den Salat. Jetzt sind sie auf einmal die Kriegsnation, die blutrünstigen Monster, die Zombies, die Nachbarländer angreifen. Damit muss man erstmal klarkommen dort als Volk. Ich glaube, für 99 Prozent der Menschen kam der Krieg sehr unerwartet.

Sie schreiben Bücher. Welchen Beitrag kann Kultur Ihrer Meinung nach zu Frieden leisten?

Wir haben hier in Deutschland versucht, die ganzen Medien, die aus Russland fliehen musste, wieder aufzubauen und sie auf Sendung zu bringen. Dafür habe ich sehr viel Kraft investiert. Und das hat auch tatsächlich funktioniert. Verhindern kann Kultur einen Krieg nicht, glaube ich. Aber sie kann ihn aufklären. Sie kann quasi dafür sorgen, dass Menschen reflektieren, was mit ihnen passiert ist und dass sie keinen neuen Krieg beginnen.

Wo nehmen Sie die Inspiration für Ihre Bücher her?

Für mich ist Schreiben meine Art, die Welt zu verstehen. Ich will wissen, wo wir sind. Was soll das Ganze? Und zu erfahren, was man zu tun hat. Und das gelingt mir eben, indem ich die Ereignisse aufschreibe, die ich nicht verstehe. Nach meiner Überzeugung leben wir – also jeder von uns – in einer Geschichte. Die aber nicht so richtig ausgeschrieben ist. Und uns ist selbst eigentlich nicht klar, was unsere Geschichte ist. Und wie sie endet. Das können wir sowieso nicht wissen. Aber jedes Leben hat eine sehr klare Dramaturgie. Man muss sie nur erkennen. Und das versuche ich mit meinen Büchern.