1200 Jobs gestrichen, 1800 neu geschaffen

Rund 12 000 Arbeitskräfte fehlen in fünf Jahren im Lahn-Dill-Kreis. Das hat ein Institut der Frankfurter Goethe-Universität prognostiziert. Andererseits bauen derzeit viele...

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WETZLAR/DILLENBURG. Rund 12 000 Arbeitskräfte fehlen in fünf Jahren im Lahn-Dill-Kreis. Das hat ein Institut der Frankfurter Goethe-Universität prognostiziert. Andererseits bauen derzeit viele Industrieunternehmen im Kreis Stellen ab. Wie passt das zusammen?

Die Hiobsbotschaften aus der Industrie im Lahn-Dill-Kreis überschlagen sich in den vergangenen Monaten: Sell in Herborn kündigte den Abbau von 280 Stellen an, Selzer in Driedorf-Roth von 150 Arbeitsplätzen, Küster in Ehringshausen will 120 Jobs streichen, Leica in Wetzlar 80, Outokumpu in Dillenburg 90, bei Buderus-Schleiftechnik in Aßlar standen 20 Entlassungen im Raum, Bedea in Aßlar meldete Insolvenz an, dort sind 170 Mitarbeiter betroffen, zudem teilte die Weber-Gruppe in Dillenburg einen Personalabbau mit, ohne eine Zahl nennen zu wollen. Bei Buderus Edelstahl in Wetzlar sind 300 bis 500 Beschäftigte zeitweise in Kurzarbeit und 150 Jobs gestrichen worden. Unterm Strich stehen rund 1200 Arbeitsstellen, die im Lahn-Dill-Kreis wegfallen.

Dabei hatte das Institut für Wirtschaft, Arbeit und Kultur (IWAK) der Frankfurter Goethe-Uni erst kürzlich berichtet, dass die Unternehmen im Lahn-Dill-Kreis einen großen Bedarf an Arbeitskräften haben.

12 030 Beschäftigte würden bis zum Jahr 2024 in Fabriken, Büros und im Handwerk fehlen. Hauptursache sei der demografische Wandel (die Gesellschaft wird älter). Innerhalb der nächsten fünf Jahre gehen laut der Prognose 18 870 Beschäftigte in den Ruhestand; die einstigen Babyboomer-Jahrgänge erreichen nun die Rente. So viel neues Personal gibt es nicht auf dem Arbeitsmarkt im Lahn-Dill-Kreis.

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Demografie und Konjunktur

Betroffen von dem Arbeitskräftemangel ist nach Angaben des Instituts vor allem auch die Industrie. Demnach fehlen demnächst 1130 Mitarbeiter nur in der Metallbranche.

Aber warum entlassen dann Betriebe so viele Mitarbeiter und versuchen nicht, sie zu halten?

Der Sprecher der für den Lahn-Dill-Kreis zuständigen Arbeitsagentur in Wetzlar, Ralf Fischer, liefert mehrere Erklärungen. Zum einen stünde einem Abbau von rund 1000 Stellen in den letzten Monaten ein Zuwachs von zuvor 1800 neuen sozialversicherungspflichtigen Stellen im Zeitraum März 2018 bis März 2019 gegenüber.

Zum anderen liege der IWAK-Prognose nur eine statistische Größe zugrunde: die Bevölkerungsentwicklung. Sie sei vorhersehbar - anders als die wirtschaftliche Entwicklung. Und aktuell gebe es eben eine konjunkturelle Delle.

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Warum halten Unternehmen ihre Arbeitskräfte nicht für die Zeit nach der Delle?

Bei manchen Unternehmen sei der wirtschaftliche Druck im Moment so groß, dass nur das Freisetzen von Personal bleibe, erklärt Fischer. In der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 hätten Unternehmen dagegen versucht, ihre Fachkräfte zu halten, damals mit Kurzarbeit, "weil sie wussten, dass die Krise vorbeigeht und sie die Fachkräfte wieder brauchen werden".

Grund für die aktuellen Entlassungen im Lahn-Dill-Kreis sei aber nicht eine vorläufige Krise, sondern es seien strukturelle Problemen in Branchen beziehungsweise bei den Unternehmen selbst.

Zum Beispiel die Automobilzulieferer: Bisher sei die Branche auf den Verbrennungsmotor ausgerichtet gewesen, so Fischer, nun stellten die Autofirmen auf Elektroautos um. Überdies hielten sich Autokäufer mit ihren Kaufentscheidungen noch zurück, weil sie unsicher seien, wohin die technische Entwicklung gehe. Hinzu komme ein Vertrauensverlust in die Autobranche wegen des Dieselskandals. All das führe zu Absatzproblemen - und zu strukturellen Problemen bei Automobilzulieferern, auch im Lahn-Dill-Kreis.

"Langfristige Probleme, die Unternehmen nicht mehr in den Griff bekommen, führen dann zum Einstampfen von betrieben, Betriebsteilen oder zum Stellenabbau", erklärt der Arbeitsagentursprecher.

Allein aufgrund der demografischen Entwicklung geht das IWAK jedoch für den Bereich Maschinen- und Fahrzeugbau im Lahn-Dill-Kreis (hier waren zuletzt 7220 Personen beschäftigt) von 750 fehlenden Arbeitskräften im Jahr 2024 aus.