Fall Ayleen: Dienstag kommt im Gericht alles auf den Tisch

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Neben der Bereitschaftspolizei waren am Teufelssee auch Polizeitaucher, ein Sonar-Boot der DLRG und eine Drohne im Einsatz.
© Frank Rumpenhorst/dpa

Vor nicht mal einem Jahr ist bei Cleeberg die 14-jährige Ayleen getötet worden. Jetzt wird dem angeklagten Waldsolmser der Prozess gemacht. Was ihm bei einer Verurteilung droht. 

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Langgöns/Waldsolms/Wetzlar/Gießen. 15 Hauptverhandlungstage sind angesetzt. Bislang. 15 Verhandlungstage bis Ende September, um in einem mutmaßlichen Mordfall Recht zu sprechen. Der Angeklagte ist geständig, das furchtbare Geschehen samt Vorgeschichte in den Augen der Ermittler detailreich rekonstruiert. Liegt also alles klar auf der Hand? Geht es nach der Staatsanwaltschaft Gießen kann die Antwort nur „Ja“ lauten. Aus ihrer Sicht sind Indizien und Faktenlage eindeutig, ist der „Fall Ayleen“ aufgeklärt. Der hatte, trotz eines außerordentlich schnellen Fahndungserfolgs, über Wochen und Monate die Schlagzeilen beherrscht. Bundesweit. Vor allem auch wegen der besonderen Vergangenheit des Beschuldigten. Er gilt als vorbestrafter Sexualverbrecher. Weniger als ein Jahr nach dem gewaltsamen Tod des 14-jährigen Mädchens aus dem Breisgau kommt am Dienstag im Saal 207 des Landgerichts Gießen die 5. Große Strafkammer zum Prozessauftakt zusammen. Sie wird am Ende darüber zu befinden haben, ob der Mann aus Waldsolms womöglich nicht mehr auf freien Fuß kommt. Seit Ende Juli 2022 sitzt er in Untersuchungshaft. Thomas Hauburger, Oberstaatsanwalt, Pressesprecher der Behörde und „staatsanwaltschaftlicher Ermittlungsführer“ im „Fall Ayleen“, spricht von einem „großen Prozess“. Mit erheblichem Medienaufgebot dürfte am Dienstag zu rechnen sein.

Mord, versuchte Vergewaltigung mit Todesfolge, Entziehung Minderjähriger und Nötigung. Außerdem geht es um Kinderpornografie. Und zuletzt ums Fahren ohne Führerschein, was in der vorangegangenen Liste des Schreckens als Delikt allerdings unwirklich anmutet. Erkennt das Gericht all die Taten an, die die Ermittlungsbehörde dem Waldsolmser zum Vorwurf macht, dann droht dem Angeklagten im Verurteilungsfall neben einer lebenslangen Freiheitsstrafe auch die Anordnung der Sicherungsverwahrung.

Der „Fall Ayleen“. Alles beginnt offenbar im April 2022. So der Kenntnisstand der Staatsanwaltschaft. Die Schülerin aus dem beschaulichen Gottenheim bei Freiburg und der damals 29-jährige Mann aus dem Lahn-Dill-Kreis lernen sich via „Snapchat“ kennen und tauschen in der Folge eine Vielzahl von Nachrichten miteinander aus. Am Nachmittag des 21. Juli verschwindet Ayleen und gilt fortan als vermisst. 

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An jenem Tag soll der Mann den Teenager in Gottenheim abgeholt haben. Die Fahrt im Auto endet in einem Waldstück bei Cleeberg. Kurz nach Mitternacht dann das Ungeheuerliche. Im Bereich eines Feldwegs wird Ayleen getötet. Die Strafverfolger gehen aufgrund der Ermittlungsergebnisse davon aus, dass die Tat sexuell motiviert war. Der Angeklagte hat später zwar zugegeben, das Mädchen umgebracht zu haben. Das Geständnis beziehe sich aber nicht auf Motivation und Tatumstände, wie Thomas Hauburger im Gespräch mit der Redaktion sagt. Im Prozess werden daher Indizien und Beweise präsentiert, die die Auffassung der Staatsanwaltschaft stützen und belegen sollen, sagt Hauburger.

Der Angeklagte hat zwar zugegeben, das Mädchen umgebracht zu haben. Nicht aber Motivation und Tatumstände.

Thomas Hauburger Oberstaatsanwalt

Der Waldsolmser soll nach der Tat den Leichnam des Mädchens zum Teufelsee bei Echzell im Wetteraukreis gebracht und dort versenkt haben. Hier wird die Tote am 29. Juli entdeckt. Bereits am gleichen Tag kommt es zur Festnahme. Die Polizei ist schnell auf den 29-Jährigen gestoßen. Bei der Durchsuchung seiner Wohnung werden Gegenstände von Ayleen gefunden. Wenige Stunden danach wird der Mann in Friedrichsdorf-Köppern dingfest gemacht. Eine gute Woche ist da gerade einmal vergangen seit der Vermisstenmeldung aus Gottenheim.

Selbst aus Sicht von Thomas Hauburger ist der Fahndungserfolg schon ein außergewöhnlich schneller gewesen, wie er rückblickend sagt. Eine Einschätzung, die Gewicht hat. Hauburger gilt schließlich als zäher und akribischer Ermittler. Überregionale Medien haben ihn einmal mit Blick auf ungelöste Verbrechen („Cold Cases“) als „Mann für aussichtslose Fälle“ beschrieben. Als Anklagevertreter und in der gleichen Rolle wie beim aktuellen Fall hat er beispielsweise dafür gesorgt, dass fast 20 Jahre nach der Entführung und Ermordung der achtjährigen Johanna Bohnacker aus der Wetterau-Gemeinde Ranstadt der Täter 2018 zu einer lebenslangen Haft verurteilt worden war. Das lange Zeit unaufgeklärte Verbrechen hatte in all den Jahren ebenfalls eine erhebliche Resonanz in den Medien gefunden. Eine Parallele: Das Verfahren am Landgericht Gießen leitete damals Regine Enders-Kunze. Die Vorsitzende der 5. Großen Strafkammer, des Schwurgerichts, ist es auch, die im Prozess gegen den Waldsolmser am Ende Recht sprechen wird.

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Der Fall und die Vergangenheit des Angeklagten

Um Beweise und Indizien zu sammeln im „Fall Ayleen“, haben Staatsanwaltschaft Gießen und die beim Polizeipräsidium Mittelhessen zeitweise installierte 30-köpfige Sonderkommission „Lacus“ (Lateinisch: See) im vergangenen Jahr mehr als 120 Zeugen vernommen, über 30.000 Chats ausgewertet und eine Vielzahl von rechtsmedizinischen und kriminaltechnischen Gutachten ausgewertet. Konfrontiert mit Ermittlungsergebnissen, gesteht der Waldsolmser im Spätsommer die Tat. Er gibt zu, Ayleen getötet zu haben, und führt die Ermittler zum Ort des Geschehens bei Cleeberg. In der Nähe hat er weitere Kleidungsstücke der Schülerin versteckt.

Im „Fall Ayleen“ hat derweil noch eine weitere Ebene eine Rolle gespielt und in der öffentlichen Wahrnehmung für Aufsehen gesorgt. Dabei geht es um Vorgänge rund um die Vergangenheit des Angeklagten, die alles andere als unbefleckt ist. Nach einem „versuchten Sexualdelikt“ im Jahr 2007 ist der Waldsolmser als damals 14-Jähriger für zehn Jahre in ein psychiatrisches Krankenhaus untergebracht worden. Das Opfer war ein elfjähriges Mädchen. Im Nachgang stand der spätere Angeklagte unter Bewachung von Behörden, was sich Führungsaufsicht nennt. Das lief zunächst drei Jahre lang so. Am 16. Januar 2020 verlängerte das Amtsgericht Wetzlar die Führungsaufsicht dann auf unbefristete Zeit. Nach einer Beschwerde des Waldsolmsers kassierte das Landgericht Limburg die Entscheidung aus Wetzlar aber ein und verlängerte die Führungsaufsicht auf die Höchstfrist von insgesamt fünf Jahren. Begründung: „Die sehr strengen Anforderungen an eine unbefristete – also auf lebenslange Dauer angelegte – Führungsaufsicht wurden zum damaligen Zeitpunkt der Entscheidung nicht als gegeben angenommen.“

In der Zeit der Führungsaufsicht bis Januar 2022 fiel der Mann zwar nachweislich durch Diebstähle und Verkehrsvergehen auf. Was auch zu sechs Geldstrafen durch das Amtsgericht Wetzlar führte. Sexualdelikte sind dagegen nicht verhandelt worden. Obwohl es nach einem Bericht der Badischen Zeitung in diese Richtung Ermittlungsverfahren gegeben habe. Deren Ergebnisse aber offenkundig nicht ausreichten, sie weiter zu verfolgen.

Die Sonderkomission "Lacus" war mit dem Fall Ayleen betraut gewesen. Archivfoto:
Die Sonderkomission „Lacus“ war mit dem Fall Ayleen betraut gewesen. Archivfoto:
© Frank Rumpenhorst/dpa

Vorfälle im März und April 2022

Gleich im März und April 2022 soll es zu neuerlichen Vorfällen gekommen sein. Schülerinnen schilderten sexuelle Belästigungen. Einmal im Zug der Taunusbahn, dann in einem Bus. Einer 17-jährigen Jugendlichen, die eine Schule in Bad Nauheim besucht, soll der Waldsolmser trotz aller Abwehrversuche hartnäckig nachgestiegen sein. Laut Staatsanwaltschaft Gießen wollte er die Schülerin zu einer Beziehung zwingen. Die Pflegemutter der jungen Frau erstattete Anzeige wegen Nötigung. Der Tatverdächtige war nach einer Gefährderansprache mehreren Vorladungen jedoch nicht nachgekommen, wozu er aber auch nicht verpflichtet gewesen sei, wie es hieß.  

 Im Mai wird der Mann eingestuft in ein Nachfolge-Programm der Polizei für Mehrfach- und Intensivtäter. Weil sich die Straftaten wieder gehäuft hatten. Wieder ging es vor allem um Diebstähle und Fahren ohne Führerschein. Am Amtsgericht Wetzlar war daher für den August eine Verhandlung vorgesehen. Die drei Strafanzeigen wegen sexuell motivierter Delikte waren noch nicht ausermittelt und deshalb auch nicht anklagereif, wie es hieß. Zu dem Gerichtstermin Anfang August ist es dann nicht mehr gekommen. Der Waldsolmser war da schon als dringend Tatverdächtiger im „Fall Ayleen“ festgenommen worden.