Neuer Treffpunkt in Wetzlar abseits des Flüchtlingszelts

Die „Begegnungsinsel“: Im früheren Balasch-Gebäude in der Virchowstraße ist alles hergerichtet für den Start am kommenden Montag.

Wenige Hundert Meter entfernt von der neuen Sammelunterkunft für Flüchtlinge auf dem Wetzlarer Festplatz Finsterloh ist eine „Begegnungsinsel“ entstanden. Am Montag ist Eröffnung.

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Wetzlar. Ein Ort des Zusammenkommens. Niedrigschwellig und als Angebot angelegt. Auch, um ein Miteinander überhaupt in Gang zu bringen. Das soll die „Begegnungsinsel“ sein. Nur wenige Hundert Meter entfernt von der neuen Sammelunterkunft für Flüchtlinge am südlichen Stadtrand Wetzlars.

Was bedeutet es, wenn dreihundert, vierhundert, fünfhundert Menschen über Monate hinweg zusammen in einem Zelt sitzen, dort in Boxen wohnen und in Stockbetten schlafen müssen? Hartmut Sitzler schiebt die Antwort auf die Frage gleich nach. „Die müssen auch mal raus, brauchen Zeit für sich, Platz für sich selbst“, sagt der Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill.

Treffpunkt außerhalb von Zelt und Zaun

Es geht aber nicht nur um Geflüchtete, für die seit 1. Dezember auf dem Festplatz Finsterloh die Übergangsherberge eingerichtet worden ist. Es geht auch „um die Leute, die hier wohnen“, sagt Hartmut Sitzler. Um die Einheimischen. Die Büblingshäuser. In ihrer Nachbarschaft steht das große Herborner Oktoberfestzelt. Das ist ausgelegt für bis zu 472 Menschen aus den Regionen Afghanistan, Iran, Irak, Syrien und Afrika. Eine Unterkunft als Übergangslösung. Wohl bis März. Und vorwiegend für junge Männer. Was bedeutet das für diesen Teil der Stadt? Dessen Bewohner mit einer neuen Situation konfrontiert sind.

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Die „Begegnungsinsel“ soll Raum bieten für Gemeinschaft. Ein Treffpunkt außerhalb von Zelt und Zaun im Finsterloh. Für die Neuankömmlinge. Und bestenfalls auch Alteingesessene. Wie sie funktioniert, wird sich ab Montag weisen. Dann werden im Gebäude der früheren Friedrich Balasch GmbH in der Virchowstraße erstmals die Türen geöffnet. Für Flüchtlinge wie auch für Menschen aus der Nachbarschaft. Jene, die vielleicht mithelfen wollen, Neuankömmlinge in ihrer nicht einfachen Situation zu unterstützen, sind ausdrücklich willkommen. Für die Zeit bis Ende März soll hier ein Treffpunkt etabliert werden. „Er soll ein Baustein sein, damit das Miteinander in den nächsten Monaten funktionieren kann“, sagt Superintendent Sitzler.

Die Arbeit ist Nächstenliebe – was sehr natürliches.

Hartmut Sitzler Superintendent des Evangelischen Kirchenkreises an Lahn und Dill

Der Zweiklang ist den Verantwortlichen ein wichtiges Anliegen. Das wird beim Treffen in der Immobilie deutlich. Engagiert ist hier der Arbeitskreis Flucht im Evangelischen Kirchenkreis. Angesichts der aktuellen Situation hat er sich ausgedehnt und weitere Akteure eingeladen, sich an konkreten Maßnahmen zur Verbesserung der Situation der Flüchtlinge zu beteiligen. Der Arbeitskreis möchte Kräfte bündeln, Vorhaben und Projekte koordinieren und Doppelstrukturen vermeiden, sagt Mathias Rau, Geschäftsführer der Diakonie Lahn Dill. Der eingeschossige Bau ist vor wenigen Jahren von der VRM Wetzlar GmbH, unter deren Dach die Wetzlarer Neue Zeitung erscheint, erworben worden. Das Areal grenzt direkt an den WNZ-Standort in der Elsa-Brandström-Straße an. Die Diakonie hat das Haus nun kurzfristig anmieten können. Auf rund 400 Quadratmetern ist in den vergangenen Tagen mit viel Einsatz und Hingabe ehrenamtlicher Helfer eine Art Café-Atmosphäre geschaffen worden. Dass diese Lösung in der Nähe der Flüchtlingsunterkunft möglich geworden ist, findet Mathias Rau löblich: Die unkomplizierte Unterstützung der VRM Wetzlar an dieser Stelle sei anerkennenswert. Dafür gebühre großer Dank.

Laut Michael Emmerich, Geschäftsführer der VRM Wetzlar, war im Vorfeld in einem Gespräch mit Landrat Wolfgang Schuster (SPD) die sich zuspitzende Flüchtlingssituation thematisiert worden. „VRM Wetzlar hat das leer stehende ehemalige Balasch-Gebäude befristet zur Nutzung angeboten. Mit der Diakonie arbeitet unsere Leser-Sammelaktion ,Helft uns helfen‘ seit vielen Jahren zusammen. Deshalb haben wir uns dazu entschlossen, das Gebäude gegen eine geringe Miete anzubieten und haben vorhandenes Mobiliar zur Verfügung gestellt. Wir freuen uns, wenn wir helfen können.“

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Begegnung auch außerhalb des Kontextes von Flucht und Unterbringung: Die Organisatoren aus dem Arbeitskreis Flucht präsentieren den neuen Treffpunkt.
Begegnung auch außerhalb des Kontextes von Flucht und Unterbringung: Die Organisatoren aus dem Arbeitskreis Flucht präsentieren den neuen Treffpunkt. (© Holger Sauer)

Zum Arbeitskreis Flucht gehören Vertreter, die engen Kontakt zur Liga der Wohlfahrtsverbände und zum Lahn-Dill-Kreis unterhalten. Zu den Mitgliedern zählen der Evangelische Kirchenkreis mit Hartmut Sitzler, die Evangelische Kirchengemeinde Wetzlar (Pfarrer Björn Heymer), die Katholische Kirchengemeinde mit Pfarrer Peter Hofacker, Elvi Rückert und Ute Rauch-Weigel, die Flüchtlingshilfe Mittelhessen mit Bettina Twrsnick als Sprecherin des Vereins, die Freie Evangelische Gemeinde Wetzlar mit Ingrid Stamer, der Caritasverband Wetzlar/Lahn-Dill-Eder mit Vorstand Hendrik Clöer und die Diakonie mit Geschäftsführer Mathias Rau.

Geflüchtete Menschen und hier insbesondere junge Männer benötigten eine Umgebung und Räume, in denen sie sich sicher und willkommen fühlen können. Über eine rein existenzielle Absicherung hinaus, so sind sich die Akteure einig, bedürfe es der Möglichkeit, auch außerhalb des Kontextes von Flucht und Unterbringung Menschen zu begegnen, die sich interessiert zuwenden, zuhören und für ein Gespräch da sind. „Das Angebot von Begegnung und Gemeinschaft ermöglicht positive Feedbacks und kann psychische Drucksituationen und Stress reduzieren“, heißt es. „Wir wollen auf die Geschichten der Menschen hören, sie wertschätzen und für Respekt, Akzeptanz und Toleranz werben“, sagt Mathias Rau. Auch Angebote zum Spracherwerb und Verständnis kultureller Aspekte sollen in der „Begegnungsinsel“ gemacht werden. Das gilt ebenso für die Vermittlung zu Beratungsstellen „und der im Einzelfall erforderlichen sozialen Infrastruktur wie Ämter und Anlaufstellen“. Zur Seite stehen bei der Arbeit für Geflüchtete auch „Leute, die selbst ähnliche Erfahrungen mitbringen und dadurch vielleicht ein besseres Verständnis haben für Männer, die nicht deutsch sozialisiert sind“.

Kosten liegen zwischen 20.000 und 25.000 Euro

In der „Begegnungsinsel“ sind Alkohol und Drogen absolutes Tabu. Gereicht werden Kaffee, Tee, Kuchengebäck. Zur Abwechslung gibt es Tischtennis und Gesellschaftsspiele. Ein Nebenraum eignet sich für Gespräche in geschützter Atmosphäre. Die Akteure des Arbeitskreises setzen vorwiegend ehrenamtliche Helfer ein, die die „Insel“ betreuen. Zur „Stammbesetzung“ werden es zu anfangs vier bis fünf Leute sein. Geöffnet wird zunächst einmal montags bis freitags von 14.30 bis 17 Uhr.

Für den viermonatigen Betrieb des Begegnungsortes werden 20.000 bis 25.000 Euro aufzubringen sein. Die Diakoniestation wird ihre Jahresspende zu Verfügung stellen. Und vom Lahn-Dill-Kreis gibt es einen Zuschuss. Der Rest wird über Eigenmittel gedeckt.