Rausgeworfen aus Driedorfer Supermarkt: Trotz seiner Behinderung

Andreas Kroll leidet an einer Lungenkrankheit und ist deshalb schwerbehindert. Für ihn ist die Corona-Pandemie zu einer doppelten Belastung geworden: Er hat Angst vor einer Infektion, und er kann keine FFP2-Maske tragen - deshalb wurde er aus einem Supermarkt rausgeworfen.  Foto: Jörgen Linker

Menschen mit Behinderungen haben während der Corona-Pandemie oft Probleme. Ein Betroffener und die Behindertenbeiratsvorsitzende des Lahn-Dill-Kreises gewähren Einblicke.

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DRIEDORF/WETZLAR/DILLENBURG. "Das ist erniedrigend." Andreas Kroll erinnert sich, wie er rausgeworfen wurde aus dem Supermarkt. Vor einem halben Jahr war das. Die Corona-Infektionen erreichten Höchstwerte, im Lahn-Dill-Kreis täglich mehr als 1000 neu Erkrankte. Es galt Maskenpflicht, FFP2-Maskenpflicht. Doch Kroll trug nur eine medizinische Maske. Der 57-Jährige aus dem Driedorfer Ortsteil Mademühlen ist schwerbehindert. Es ist ein Beispiel, welche Probleme Behinderte während der Pandemie haben.

Die Vorsitzende des Behindertenbeirates im Lahn-Dill-Kreis, Elke Würz, berichtet von weiteren und sagt: Inklusion sei in den vergangenen Jahren vernachlässigt worden, Behinderte seien oft stärker als andere Menschen isoliert gewesen.

Kroll leidet an COPD

COPD. Die Abkürzung steht für chronisch obstruktive Lungenerkrankung. Andreas Kroll erklärt: "Die Bronchien setzen sich mit Schleim zu. Der Körper bekommt nicht genug Sauerstoff, und ich habe Atemnot, wenn ich bloß vom Wohnzimmer zum Bad gehe."

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Manche verglichen es mit Asthma, doch das sei anders. Bei Asthma verkrampften die Bronchien und könnten mit einem Spray wieder gelöst werden. Für den 57-Jährigen wird es keine Besserung mehr geben. Ein Sauerstoffgerät lindert.

Er ist kein Maskenverweigerer oder Corona-Leugner. Er hat gehörigen Respekt vor einer Erkrankung, setzt sich sicherheitshalber auf Abstand während des Gesprächs. "Ich kann mir Corona nicht erlauben", sagt er. "Wenn ich eine starke Lungenentzündung bekäme, wäre es mein Ende. Feierabend."

FFP2-Maske sorgt bei Kroll für Atemnot

Eine medizinische Maske kann er tragen, wenn auch mit Problemen. Aber eine FFP2-Maske sorge bei ihm für Atemnot. Sein Hausarzt habe ihm ein entsprechendes Attest ausgestellt. Außerdem habe er einen Schwerbehindertenausweis. Seit drei Jahren ist der gelernte Fluggerätemechaniker Frührentner.

Beim Einkauf im Februar kam es dennoch zum Eklat. Er habe, wie stets, eine medizinische Maske getragen. Doch eine Verordnung des Landes Hessen schrieb mittlerweile FFP2-Masken vor. Der Filialleiter habe ihn darauf hingewiesen. Kroll verwies auf sein Attest und seinen Schwerbehindertenausweis. Doch der Marktleiter sei nicht darauf eingegangen, habe von seinem Hausrecht Gebrauch gemacht und ihn vor die Tür gesetzt. "Er hat mich rausgeschmissen. Ich war stinksauer."

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Elke Würz, die Vorsitzende des Behindertenbeirates, sagt: "Er ist wegen seiner Behinderung diskriminiert worden. Das ist das Gegenteil von Inklusion, das ist Exklusion, er wird ausgeschlossen."

Hausrecht habe Rausschmiss möglich gemacht

Sie habe Rechtsauskunft in der Kreisverwaltung eingeholt. Juristen hätten jedoch bestätigt, dass das Hausrecht das Handeln des Marktleiters zulasse. Behinderte hätten aber die Möglichkeit, dagegen zu klagen. Elke Würz kritisiert, dass es überhaupt ein Gesetz, hier die Verordnung des Landes, gebe, das so etwas ermögliche. "Das ist schlecht gemacht. Ich kann es nicht begreifen, dass ein behinderter Mensch deshalb nicht einkaufen kann. Ich wüsste gerne, wie vielen behinderten Menschen es so ergangen ist wie Herrn Kroll. Es muss dann wenigstens an die Öffentlichkeit, damit klar wird, dass ein Problem besteht."

Schlechtes Gewissen wegen der Bevorzugung

Andreas Kroll sagt: "Das macht was mit einem." Er kauft seitdem in anderen Märkten ein. Zunächst sei er dort mit ungutem Gefühl aufgetaucht, habe ein schlechtes Gewissen gehabt, dass er eine Bevorzugung wolle. Denn stets habe er die erstbeste Verkäuferin gefragt, ob es wegen seiner Behinderung und mit seinem Attest okay sei, dass er nur eine medizinische Maske trage. "Es hat mir keiner mehr den Einkauf verweigert."

In der jüngsten Sitzung des Kreis-Behindertenbeirates hat Kroll seinen Fall geschildert. Inklusion während der Pandemie war das Hauptthema. Vorsitzende Elke Würz berichtet von einer Gehörlosen von der gemeinnützigen Gesellschaft "Hand und Ohr" in Herborn. Gehörlose seien bei der Kommunikation auf Gesicht und Mundbild angewiesen, Emotionen und Sprache würden durch die Mimik sichtbar. Mit Masken sei das aber schwierig. Gehörlose Menschen brauchten gegebenenfalls einen Gebärdendolmetscher zur Kommunikation mit Nicht-Behinderten - ein Problem während der Zeit der Kontaktbeschränkungen.

Informationen über Corona-Regeln seien kaum barrierefrei

Weitere Hürden: Kontakte beispielsweise zum Gesundheitsamt seien vor allem telefonisch möglich - für Gehörlose also unmöglich. Und Informationen über die sich ständig ändernden Corona-Regeln seien kaum barrierefrei aufbereitet worden.

Eine Mitarbeiterin der Lebenshilfe Wetzlar-Weilburg habe festgestellt, so Würz, dass während der Pandemie viele Therapien für behinderte Menschen ausgefallen seien. Mit Folgen. Sie habe Rückschritte vor allem bei geistig behinderten Kindern bemerkt. In den Schulen seien behinderte Kinder als Erste gebeten worden, daheim zu bleiben - denn sie gehörten zur Risikogruppe.

Vor allem Autisten leiden unter der Rückkehr zum Alltag

Für manche Behinderten, besonders Autisten, sei in den vergangenen Monaten die Rückkehr zum gewohnten Alltag zum Problem geworden. Sie kämen nur schlecht mit Veränderungen zurecht.

Die Isolation habe vor allem Behinderten im betreuten Wohnen zugesetzt, also Alleinlebenden, die von der Lebenshilfe versorgt werden. Einige hätten in der heimischen Abgeschiedenheit Suchtverhalten entwickelt, andere ein Messi-Syndrom.

Würz zitiert die Lebenshilfe-Mitarbeiterin: "Inklusion ist in der Pandemie zu einem Fremdwort geworden." Die Behindertenbeiratsvorsitzende selbst bemängelt, dass sich der Staat während der Pandemie aus der Betreuung von Behinderten zurück- und aus der Verantwortung gezogen habe. Diese Verantwortung sei plötzlich auf die Familien abgewälzt worden. Sie habe das Gefühl gehabt, die Familien seien im Stich gelassen worden.