Tierschützer: "Lassen Sie Ihre Katzen kastrieren"

Bärbel Pross (75) kümmert sich um zugelaufene Katzen ihrer erkrankten Verwandten - und sucht Unterstützung. Fotos: Tanja Freudenmann

Seit die Besitzerin erkrankt ist, kümmert sich Bärbel Pross um die zwölf Jahre alte Hauskatze Klara sowie zwei weitere Katzen, die im Schuppen leben. Diese Katzen waren...

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WETZLAR-HERMANNSTEIN. Bärbel Pross (75) aus Hermannstein kümmerte sich wochenlang um neun Katzen: Seit die 85-jährige Cousine ihres Mannes Anfang Februar mit einem Schlaganfall ins Krankenhaus kam, fütterte sie zweimal täglich die zwölf Jahre alte Hauskatze Klara sowie zwei weitere Katzen und deren sechs Junge, die im Schuppen leben. Diese waren zugelaufen - und nicht kastriert. Alles andere als ein Einzelfall.

Bärbel Pross zieht die stets angelehnte Tür zum Schuppen neben dem Haus ihrer Verwandten auf. Drinnen miaut es, ein Kätzchen sitzt auf dem kleinen Kratzbaum, eins in einem Körbchen, weitere sind sofort hinter Bretter geflüchtet. Zwei der Katzen haben verklebte Augen, kratzen sich.

"Die Hauskatze war kastriert, aber die zugelaufenen Katzen leider nicht. Und sie brachten um Pfingsten sechs Junge mit", sagt Pross. In der Not war sie eingesprungen, stand aber lange mit dem Problem ziemlich alleine da. Die Katzen ließen sich von der 75-Jährigen nicht einfangen, dabei mussten sie dringend zum Tierarzt, geimpft und kastriert werden.

Unterstützung fand sie dann von einer Hermannsteinerin. "Ohne ihre Hilfe hätte ich nicht weitergewusst", so Pross. Zusammen versuchten sie, die Tiere einzufangen. Das sei zunächst zum Teil gelungen. Zwei Kätzchen habe sie zum Tierarzt gebracht, dort seien ihnen Antibiotika und eine Wurmkur verabreicht und die Augen gereinigt worden. Die Hermannsteiner Tierfreundin, die die zwei Kätzchen dann bei sich aufnahm, unterstützte Pross weiter, schaltete die Interessengemeinschaft "Tieroase" in Heuchelheim ein. Erfreuliche Nachricht: Für die meisten der Katzenkinder sei inzwischen ein Pflegeplatz gefunden worden. Eine Lösung für eine Mutterkatze und zwei Jungtiere, die für zwei Wochen bei einer Tierärztin untergebracht sind, steht noch aus.

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"Wir waren am Wochenende vor Ort, haben uns die Tiere angeschaut, Fallen aufgestellt, Tiere eingefangen und eine Hilfsaktion auf Facebook unter ,Katzen der Tieroase Heuchelheim' gestartet", berichtet Ilse Toth von der "Tieroase" auf Nachfrage. Mit den bislang eingegangenen Spenden könne voraussichtlich ein Großteil der Tierarztkosten für die Katzenbabys gestemmt werden. "Und wir freuen uns natürlich über weitere Spenden", so Toth. Denn die Behandlungen werden langwierig und kostspielig.

Die Katzen aus Hermannstein seien kein Einzelfall: "Das Hauptproblem sind die sogenannten Niemandskatzen, die irgendwo auftauchen und meist von älteren Menschen gefüttert werden", so die 75-jährige Toth, die seit 40 Jahren im Tierschutz aktiv ist. Es müsse klar sein: Wer herrenlose Katzen füttert, dem fällt auch die Verantwortung für die Tiere zu. Deshalb lautet Toths Rat: "Wenn eine Katze bei Ihnen auftaucht und Hilfe sucht, kontaktieren Sie den zuständigen Tierschutzverein!" Dieser könne überprüfen, ob die Katze gesucht werde. Gleichzeitig appelliert Toth an Katzenbesitzer: "Es hat was mit Tierschutz zu tun, wenn Sie Ihre Katzen kastrieren lassen. Die Tierheime sind voll."

Das bestätigt Melanie Vornholt, Leiterin des Wetzlarer Tierheims. Zu Zeiten, in denen Katzen tragend sind und Junge bekommen - zwischen Frühjahr und Herbst - seien die Tierheime extrem belastet. Aktuell gebe es zahlreiche vergleichbare Fälle im Altkreis Wetzlar.

Zwar habe die Stadt Wetzlar einen Vertrag mit dem Tierheim, wonach dort Fundtiere abgegeben werden können. Das Problem sei aber komplexer: Wenn die Tiere bereits angefüttert worden seien, handele es sich nicht mehr um Fundtiere. Diese Katzen würden meist nur die Freiheit kennen. "Sie würden bei uns im Tierheim die Wände hochgehen. Die Katzen wissen ja nicht, dass wir ihnen nur helfen wollen."

Auch für Vornholt und ihre Kollegen vom Wetzlarer Tierheim ist es ein altbekanntes Problem: "Viele Leute füttern zugelaufene Katzen an, anstatt sie mit Lebendfallen einzufangen und sie zum Kastrieren zu bringen." Dann kommen Jungtiere hinzu und das Problem werde immer größer. Wenn die Katze bereits Junge habe, gelte es ebenfalls frühzeitig zu handeln - spätestens bis zum Alter von fünf Wochen.

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Das Wetzlarer Tierheim stelle Lebendfallen gegen Kaution zur Verfügung, es übernehme die Kosten für die Kastration - auch wenn dies "eine große finanzielle Belastung" darstelle. "Wir stehen ohnehin finanziell mit dem Rücken an der Wand", so Vornholt. Momentan sei man im Besitz von sechs Lebendfallen. Sofern es personell möglich ist, rücken Mitarbeiter des Tierheims oder Ehrenamtliche selbst mit den Lebendfallen aus und fangen die Katzen ein. Hierfür bestehe jedoch eine lange Warteliste, viel zu groß sei der Andrang.

Auch Vornholt appelliert eindringlich: "Bitte lassen Sie die Katzen kastrieren. Es hört sonst nie auf." Eine mögliche Lösung für das Problem stelle eine Kastrations- und Registrierungspflicht dar, wie es sie bereits in anderen Städten gebe - nicht aber in Wetzlar. "Leider."