#ZuWertvoll: Wie viel bist du dir selbst wert?

Sind wir es uns zum Beispiel wert, in einer Beziehung zu leben, die uns nicht glücklich macht? Oder in einem Job zu arbeiten, in dem unsere Arbeit nicht angemessen honoriert wird? Das sind Fragen, die wir alle uns stellen müssen, denn nur so können wir uns sicher sein, dass wir uns selbst achten. Kurz: Unseren Selbstwert schätzen.

Und genau hier stand Ben am Scheideweg. Denn er hatte einen super aussehenden Sunnyboy kennengelernt, der einer Modezeitschrift entsprungen sein könnte. Doch das Problem war: Er wollte nicht den Ben wie wir ihn kannten und mochten, sondern eine runderneuerte Version von ihm.

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„Zunächst mal meinte er, dass meine Haare einen anderen Schnitt bräuchten. Ich würde noch immer zu sehr nach Justin Bieber vor drei Jahren aussehen“, erzählte Ben und Lena zog skeptisch die Augenbrauen hoch.

„Und weiter meinte er, dass meine Klamotten ramschig seien. Außerdem kann er nicht verstehen, weshalb ich Modellautos sammele und findet, das sei kindisch.“ Mit jedem weiteren Wort wurde der stattliche und muskulöse Ben ein bisschen kleiner und unbedeutender, weshalb ich ihn unterbrach.

„Er möchte im Endeffekt, dass du dich für ihn verbiegst. Nein, eigentlich nicht nur verbiegst, sondern verstellst. Aber warum?“, fragte ich Ben. Der zuckte nur mit den Schultern und rührte in seiner Kaffeetasse. Auch Lena und Pura, die neue Mitbewohnerin mit spanischen Wurzeln, waren irritiert. Ben war ein klasse Typ, den man nicht auf den Kopf stellen musste!

„Du musst dich fragen, ob du das wirklich willst. Wenn er dich nicht so nimmt, wie du bist – was bedeutest du ihm überhaupt?“, fragte Lena und ich legte weiter nach. „Die eigentliche Frage ist doch: Findest du dich selbst nicht gut genug so, wie du bist?“

„Quatsch, ich finde mich eigentlich vollkommen OK so!“, platzte es aus Ben heraus. Und damit hatte er eigentlich auch schon seine Antwort. Denn natürlich muss man im Leben Kompromisse eingehen: In einer Beziehung kann man nicht alleine Urlaubsorte, Wandfarben oder Abendessen bestimmen, sondern muss sich mit seinem Partner absprechen. Gleiches gilt für den Job: Nicht immer macht alles Spaß. Manchmal gibt es saure Äpfel, in die es zu beißen gilt.

Aber es gibt immer einen Punkt, an dem der Apfel zu sauer ist, als dass man reinbeißen möchte. Dann ist der Selbstwert zu hoch, als dass man sich mit etwas Ungenügendem zufrieden geben möchte.

„Nein, ich möchte mich nicht ändern. Dann muss er sich einen anderen suchen“, meinte Ben und wir nickten im bestärkend zu.

Aber natürlich ging es beim Selbstwert nicht nur um zwischenmenschliche Beziehungen. In Puras Fall war es die Aussicht gewesen, in Spanien keinen Job zu finden. Sie war sich aber zu viel wert gewesen, um arbeitslos zu sein – und war deshalb nach Deutschland gegangen, um zu arbeiten.

„Das war natürlich nicht leicht, Freunde und Familie einfach zurückzulassen“, sagte sie mit feuchten Augen. „Aber ich wollte nicht rumsitzen und nichts tun. Ich wusste, dass ich gut bin. Und ich wollte arbeiten und Geld verdienen. Deshalb bin ich nach Deutschland gegangen.“

„Und prompt sitzt du mit neuen Freunden am Küchentisch und denkst über das Leben nach“, sagte ich und Pura lächelte. Spätestens vor zwei Wochen, als sie Ole mit seinem Liebeskummer getröstet hatte, hatte sie sich in unser aller Herzen katapultiert. Auch ihr war es zu verdanken, dass Ole diese Woche bei seiner Freundin Sora war.

„Einfach so das eigene Land zu verlassen, weil du da keine Arbeit findest, finde ich wirklich mutig. Respekt, Pura“, sagte ich und meinte es vollkommen ernst. Denn es zeigte, wie viel sie sich wert war und wie viel sie in Kauf nahm, um diesen Selbstwert auch eingelöst zu bekommen.

Denn letztlich sind es ganz unterschiedliche Momente, in denen wir unseren eigenen Wert bestimmen: Sei es in zwischenmenschlichen wie bei Ben oder in materiellen wie bei Pura. Wichtig ist nur, nicht zu vergessen: Wir legen unseren Wert selbst fest. Und somit auch den Preis, den eine Unterschreitung mit sich bringt.

Ein schönes (und wertvolles) Wochenende wünscht,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de/midde seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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