„Was du nicht willst, das man dir tu‘, …“

„Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu.“ Diesen Spruch habe ich als Kind gelernt. Er bedeutete damals für mich: Nimm anderen Kindern kein Spielzeug weg, das möchtest du auch selbst nicht. Doch die ganze Tragweite dieses Satzes wird mir erst heute bewusst. Und würde die gesamte Menschheit nach diesem Grundgedanken leben – ich denke, uns allen ginge es besser.

Wie mich Wikipedia jetzt, viele Jahre nachdem ich den Spruch gelernt habe, lehrt, ist der Satz als „Goldene Regel“ bekannt, der sich sinngemäß so in den Schriften diverser Kulturen und Religionen finden lässt.

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Wenn wir dieser Tage über den Glauben sprechen, sollten wir darüber nachdenken, was mit „Was du nicht willst, das man dir tu‘, das füg auch keinem andern zu“ gemeint ist. Nicht nur, weil bald Weihnachten ist, sondern weil auch viel Unfug unter dem Deckmantel der Religion getrieben wird. Dabei sollten wir jedoch zweierlei nicht vergessen: Erstens, dass es Menschen sind, die glauben, und somit auch den Glauben missbrauchen. Und zweitens: Jede Religion kann Fanatiker hervorbringen. In jüngster Zeit sind es bestimmte islamistische Gruppen, die mit terroristischen Aktionen Aufsehen erregen. Gleichzeitig sollte aber auch jeder Christ wissen, dass die Geschichte des Christentums keineswegs unblutig war und viele Menschen auf Kreuzzügen für die angeblich richtige Religion ihr Leben lassen mussten.

Fanatismus und willkürliche Auslegung von Worten sind mein generelles Problem mit allen Religionen. Denn Religionen und die Hoffnung auf ein Leben nach der Lebendigkeit können Menschen mobilisieren, ja sogar instrumentalisieren. Wenn gläubige Menschen jedoch nur noch ein Instrument sind, mit dem gespielt wird, vergessen viele ihre menschlichen Grundsätze. Etwa: „Was du nicht willst, das man dir tu‘ das füg auch keinem andern zu.“

Sollte in unserer Welt dieser Grundsatz wirklich herrschen, so denke ich, würde das nicht nur vielen Kriegen ein Ende bereiten. Auch alle Formen der Diskriminierung – aufgrund von Religion, Geschlecht, Hautfarbe, Sexualität, Fähigkeit und so weiter – würden der Vergangenheit angehören. Denn niemand möchte wegen irgendeines von Menschen ausgesuchten Faktors diskriminiert werden – warum dann also selbst diskriminieren? Warum gegen etwas kämpfen, wenn man selbst nur Frieden will?

Hier sehe ich als Atheist auch die Religionsgemeinden in der Pflicht, die nun nahenden Feiertagen für mahnende Worte zu nutzen und den Gedanken der Akzeptanz in die Welt zu tragen. Denn egal ob man gläubig ist oder nicht, können die Feiertage für unsere Gesellschaft auch eine Chance darstellen: Dass wir alle wieder etwas näher zusammenrücken. Dass wir den anderen so leben lassen, wie er möchte, unterschiedliche Meinungen und Menschen akzeptieren – solange diese nicht zum Lasten der anderen handeln.

Langfristig jedoch liegt diese Verantwortung und Pflicht nicht nur bei den Religionsgemeinschaften, sondern bei jeder politischen Partei, jeder Behörde, jedem Verein, ja jedem Menschen selbst. Egal ob sie wie Ole, Lena, Ben und ich schon auf eine gerechte Welt hinarbeiten oder noch nicht. Jenen, die das vermeintlich Fremde fürchten, muss die Angst davor genommen werden. Die Demonstrationen von „Pegida“ und andere Bewegungen sind ein Zeichen dafür, dass es noch viel zu tun gibt, um ein friedliches Zusammenleben ohne Vorurteile zu ermöglichen.

Das Ziel muss sein, dass wir das, was uns vermeintlich trennt, überbrücken und daran denken, was uns alle vereint. Und dieses vereinende Element ist unsere Menschlichkeit.

Ein schönes (und friedliches) Wochenende wünscht,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de/midde seine Kolumne „Alexander in der midde“.

 


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