1 + 1 = Error

Lena nickte mir eifrig zu, weil ich ihre Gedanken in Worte gefasst hatte. Nur Ole schien von meinem kurzen Monolog noch nicht so überzeugt zu sein. Doch manchmal schlug das Schicksal lustige Kapriolen. Wie auch jetzt, als Phil gerade auf uns zugeschlendert kam.

„Hast du Phil auch zum Kaffee eingeladen?“, fragte ich Lena und deutete unauffällig auf den durchtrainierten Kerl, der nur noch zehn Meter von uns entfernt war.
„Nein…“, sagte sie und verdrehte wieder die Augen – doch da stand er auch schon vor uns.
„Oh, hallo. Ich wusste gar nicht, dass ihr hier seid. Lena meinte zwar, dass ihr Kaffee trinken geht, aber…“
„Ja, es ist natürlich sehr verwunderlich, dass wir das irgendwo in Uninähe tun“, ätzte Lena und ich sah förmlich die Blitze, die aus ihren Augen schossen. Heiter Sonnenschein war diese Beziehung nicht mehr (wenn sie es überhaupt jemals gewesen war, seit sie so definiert worden war).
„Das war wirklich nur ein Zufall. Du musst mich jetzt nicht so anzicken“, konterte Phil genervt.
„Ich zicke gar nicht!“, schrie Lena und am liebsten wäre ich im Erdboden versunken. Es gab nichts Schlimmeres, als befreundeten Pärchen beim öffentlichen Zerfleischen zusehen zu müssen. Ich wartete auf eine Antwort von Phil, doch sie blieb aus. Stattdessen schüttelte er resignierend den Kopf.
„Schönen Tag noch“, murmelte er und ging weiter. Lena blieb mit hochrotem Kopf und hervorgetretener Halsschlagader zurück. Ole und ich hielten die Klappe, da wir diesen Vulkan nicht zum Explodieren bringen wollten.

„Ich glaube, ich muss mit ihm reden. Das ist Phil gegenüber nicht fair“, sagte sie nach einiger Zeit resignierend. Ole und ich nickten. Damit war eigentlich alles gesagt. Wir sparten das Thema Phil für den Rest unseres Gesprächs aus, und doch spürte ich, wie Lena in Gedanken immer bei ihm war – was mich nicht verwunderte. Denn natürlich mochte sie Phil und wollte ihn auch nicht verletzten. Aber wenn 1 plus 1 nicht mehr zwei, sondern nur noch Error ergab, sollte man die Frage stellen, ob man noch Lust auf Matheaufgaben hatte. Oder Beziehungen.

Ein schönes (und wolkenloses) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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