Alle Jahre wieder kommt der Weihnachtsstress

Alexander in der midde

„Die Geschenkeaussucherei treibt mich noch in den Wahnsinn!“, meinte er, als er vor uns stand und erst mal durchatmete. Lena, Ben und ich hatten bereits einen Becher Glühwein in der Hand und aßen nebenbei Maronen. Doch Ole drohte uns mit seinem Weihnachtsstress anzustecken.

„Wieso? Was ist denn los?“, wollte Lena wissen. „In gut drei Wochen ist Weihnachten und ich habe noch immer nicht alle Geschenke beisammen! Das ist los!“, meinte Ole entrüstet. Lena verdrehte die Augen. „Du solltest wirklich mal entschleunigen, Ole. Es ist nur Weihnachten. Nur irgendein weiterer christlicher Feiertag, der den Konsum ankurbelt.“

„Entschleunigen zu Weihnachten? Wie stellst du dir das denn vor?“, meinte Ole aufgebracht, stellte seine Einkaufstüten vor uns ab und ging zu einem Glühweinstand.

Tatsächlich war Entschleunigung das Zauberwort dieser Tage. Als Gegenstück zur Beschleunigung wird es als Wellness-Allheilmittel für Smartphone-Gestresste angepriesen. Einfach mal durchatmen, den Moment genießen und das Handy ausschalten. Aber wie Ole zeigt, bringt das in der Vorweihnachtszeit alles nichts: Denn irgendwie müssen die Geschenke gekauft, die Verwandten unter einen Hut gebracht, der Baum ausgesucht und geschmückt werden.

Die Frage war also: Warum tun wir uns diesen Stress überhaupt an?

„Ganz einfach: Weil es von uns erwartet wird. Seit Wochen wird in den Medien ein Hype um Weihnachten gemacht. Außerdem gibt es schon seit Monaten in den Supermärkten Süßigkeiten zu kaufen. Von uns als Menschen wird erwartet, das ganze Spiel mitzuspielen“, erklärte Lena.

„Aber es soll ja Menschen geben, denen Weihnachten gefällt“, warf Ben ein.

„Schon, aber die Frage ist: Warum gefällt ihnen Weihnachten? Geht es ihnen wirklich um die literarische Grundlage mit Jesus und Co. oder nur um das, was mittlerweile daraus gemacht wird?“, sagte Lena und ich nickte.

Tatsächlich konnte man vermuten, dass viele den Gedanken hinter der Geschichte um den neugeborenen Jesus einfach ignorierten: Es geht um Liebe, um Zusammenhalt, um Glück. Werte, die in den Debatten um Flüchtlinge, Gleichstellung und Co. gerne gerade von den konservativen Vertretern vergessen werden.

Doch diese Werte – Liebe, Zusammenhalt, Glück – sind so universell, dass sie nicht nur in der Bibel, sondern auch in jedem anderen fiktionalen Werk auftauchen. Nur hat sich Weihnachten eben als Fest aus diesem Anlass etabliert.

Und gerade deshalb sollten wir fragen: Warum entschleunigen wir nicht Weihnachten und bringen es auf seine Kerngedanken zurück? Keine blinkende Hausbeleuchtung, keine Geschenke, kein Stress- und Streitpotenzial durch überhöhte Erwartungen?

Für all das muss man nicht gläubig sein. Denn der Kerngedanke – das Feiern von Liebe, Zusammenhalt und Glück – ist universell. „Wie wäre es damit: Wir schenken uns dieses Jahr zu Weihnachten einfach nichts. Dann nehmen wir uns dafür schon mal den Stress“, schlug Ben vor. Lena und ich stimmten zu. „Und was machen wir mit Ole? Der hat doch bestimmt schon Geschenke für uns gekauft“, fragte ich.

„Das klären wir mit ihm, sobald er den ersten Glühwein getrunken hat. Dann ist er hoffentlich etwas entschleunigt“, sagte Lena grinsend und blickte zum Glühweinstand. Ole war gerade an der Reihe und zahlte den Becher. „Was habe ich verpasst?“, meinte Ole, als er mit einem Glühwein in der Hand zurückkam. Ich lachte. „Ach, nichts. Wir haben nur den Sinn von Weihnachten entschlüsselt.“

Ein schönes (und entschleunigtes) Wochenende wünscht,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de/midde seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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