Analoge Freunde

Das war eine Zeit vor Facebook, eine Zeit, in der auch ich noch Teile meiner Jugend verbracht habe. Doch bereits in dieses analoge Buch schrieben nicht nur Menschen, mit denen man wirklich super gut befreundet war und denen man bei heimlichen Telefonaten die Geschichte vom ersten Kuss erzählte. Sondern oft auch jene, mit denen man gerne befreundet wäre, oder weitläufige Bekannte, bei denen es sich aber irgendwie gehörte, sie ins Freundschaftsbuch schreiben zu lassen. Kurzum: Nicht erst seit Facebook kann der Begriff „Freunde“ weitläufig gemeint sein.

Hätte ich heute ein Freundschaftsbuch, würden da natürlich auch Lena, Ben und Ole drin stehen sowie viele alte Freunde aus meinen früheren Heimaten. Aber wahrscheinlich auch Phil, einfach, weil er mal Lenas Freund gewesen war und es sich gehörte, ihn deshalb in mein Freundschaftsbuch schreiben zu lassen. Daher war ich heute auch mit ihm auf Facebook befreundet, obwohl er längst nicht mehr mit Lena zusammen war.

Und doch ist Phil ein gutes Beispiel für die Frage: Was meinen wir überhaupt mit dem Begriff „Freunde“? Meinen wir damit jene Menschen, die wir so sympathisch finden, dass wir sie in unser Freundschaftsbuch schreiben lassen oder heute bei Facebook hinzufügen? Oder meinen wir damit wirklich diesen harten Kern an Menschen, mit denen wir durch dick und dünn gehen, die unsere heimlichen Ängste und intimsten Gedanken kennen, die wir mitten in der Nacht anrufen können, wenn es uns nicht gut geht?

Je nach Kontext nenne ich beide Typen Freunde – und doch meine ich es nicht gleich. Mir ist es nicht so wichtig, ob ich 300 oder 400 Facebook-Freunde habe. Aber ob ich aus meinem engen Freundeskreis jemanden verliere, das spielt schon eine Rolle. Denn diese Menschen sind mein Anker, mein Halt im Sturm, meine Stütze, wenn es hart auf hart kommt. Oder, um bei den maritimen Metaphern zu bleiben, mein Sonnendeck, meine Freizeit, meine Entspannung, mein Spaß. Und auch mein Kaffeeklatsch, denn dazu hatten wir vier uns in der WG von Ole und Ben verabredet.

„Jetzt, wo du das sagst, fällt mir ein, dass ich auch noch irgendwo ein Freundschaftsbuch haben muss!“, sagte Ben und sprang prompt von seinem Platz auf. Während Ben sich also auf die Suche nach seiner Vergangenheit machte, sprach Ole weiter: „Da gab es doch manchmal so freie Felder, in die man persönliche Sprüche und nette Worte schreiben konnte, oder? Die fand ich ja immer ganz schlimm. Da ist mir nie was zu eingefallen, außer ‚Alles Gute auf deinem Lebensweg‘. Und sowas mit zehn Jahren zu schreiben, klingt auch irgendwie altklug.“

„Aber die Frage ist doch: Mit wie vielen Leuten aus deinem Freundschaftsbuch hast du heute noch zu tun? Wenn ich so darüber nachdenke, sind es vielleicht drei oder vier Leute, bei denen ich mich einmal im Monat noch melde“, sagte Lena. Auch Ole nickte zustimmend.

„Das liegt aber auch daran, dass wir uns alle weiterentwickelt haben. Wir sind von zu Hause ausgezogen, haben teilweise ein ganz neues Leben begonnen. Da verlierst du Menschen auf dem Weg, neue kommen dafür hinzu“, meinte ich.
„Hm, aber so viele neue, wirklich enge Freunde sind bei mir gar nicht dazugekommen. Das seid eigentlich nur ihr drei, der Rest sind ganz gute Bekannte, mehr aber auch nicht“, sagte Lena und auch, wenn es gar nicht so sentimental gemeint war, war es doch ein sehr nettes Kompliment, das mir ein Lächeln auf die Lippen zauberte.

Plötzlich erschien Ben mit seinem Freundschaftsalbum, das er neben seine Tasse Kaffee auf den Küchentisch legte. 
„Ihr dürft euch die erste Seite aber nicht ansehen!“, sagte er noch, da hatte Lena sich bereits das Freundschaftsbuch gekrallt und die erste Seite aufgeschlagen. Da war der junge Ben, vielleicht zehn oder elf Jahre alt, und stellte sich seinen Freunden vor. Zwar noch ohne Muskeln und mit den damals standardmäßig hochgegeelten Haaren oberhalb der Stirn, aber dem heutigen Ben nicht unähnlich.

„Wie süß du damals noch geschrieben hast! Du hast die Punkte auf dem i als Kringel gemalt! Und dein Lieblingsfilm war Toy Story 2. Und guck mal hier: Du magst es nicht aufzuräumen. Und natürlich auch keine Hausaufgaben. Wie putzig!“ Lena lachte sich kringelig und blätterte sich weiter durch das Büchlein, bis sie zum letzten Eintrag gelangte.

„Da sind ja noch Seiten frei“, meinte Lena plötzlich, und ihr Blick glitt suchend durch die Küche, bis sie plötzlich einen Stift entdeckte und ihn an sich nahm. 
„Wird Zeit, dass wir uns darin verewigen“, sagte sie und begann zu schreiben. Danach waren Ole und ich an der Reihe. Heute waren es nicht mehr die Hausaufgaben, die wir nicht mochten, sondern vor unserer Nase wegfahrende Busse und U-Bahnen, schlechte Küsser oder Ex-Freunde, die einem nicht mehr aus dem Kopf gingen.

Denn genau das schrieb Lena, ohne es weiter zu kommentieren. Und wie es sich damals wie heute für Freunde gehörte, behielten wir das Geheimnis für uns. Denn das, so war zumindest meine Philosophie, macht Freunde aus, egal ob sie analog oder digital gesammelt werden: Dass sie in den richtigen Moment auch mal den Mund halten, Geheimnisse für sich bewahren und nicht darüber lachen, dass – wie ebenfalls in Lenas Fall – der Lieblingsfilm nach wie vor "Der König der Löwen" ist.

Ein schönes (und verbundenes) Wochenende wünscht euch

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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