Bettgeschichten und Brieföffner

„Ben, was ist los? Brennt eure WG? Sind Einbrecher da?“, stotterte ich mit vor Schreck geweiteten Augen. 
„Nein, Sora ist gerade aufgetaucht. Sie und Ole schreien sich an und beschimpfen sich. Ich habe Ole noch nie solche Wörter sagen gehört. Jetzt beweg dich endlich hierher!“

Das konnte nichts Gutes heißen. Denn nachdem Ole in einem Eifersuchts-Schock vollkommen überreagiert und per SMS mit Sora Schluss gemacht hatte, war auch wirklich Schluss gewesen. Er hatte jeden Anruf weggedrückt, jede SMS ungelesen gelöscht und alle WhatsApp-Nachrichten ignoriert. Kurzum: jegliche Form der Kontaktaufnahme abgelehnt. Und das seit fast zwei Wochen.

Lena, Ben und ich hatten ihm immer wieder ins Gewissen geredet und gesagt, er solle sich ihre Position doch wenigstens einmal anhören. Aber nein, Ole war stur geblieben – eine Charaktereigenschaft, mit der bisher primär Lena geglänzt hatte. Der sonst so liebe Ole hatte sich in den letzten Wochen von seiner düsteren und uns bisher unbekannten Seite gezeigt und war jeder Konfrontation aus dem Weg gegangen. Zumindest, bis Sora nun den Weg von Frankfurt nach Hamburg angetreten hatte.

In Windeseile verließ ich die Wohnung in Richtung Bus, während ich Ben weiterhin auf dem Ohr hatte, um über die Lage in der WG informiert zu werden.
„Jetzt wirft er ihr gerade vor, sie sei ein billiges Flittchen und hätte ihn von Anfang an nur betrogen… Sora schreit gerade zurück, was für ein Idiot Ole sei und wie saudoof er sich gerade verhalten würde“, gab mir Ben den aktuellen Stand durch. Anscheinend lauschte er an seiner Zimmertür und bekam jedes Wort der beiden mit. „Wie lange brauchst du noch?“, hörte ich ihn fragen, während ich wild winkend auf den schon fast losfahrenden Bus zulief.
„Zehn Minuten“, schrie ich außer Atem ins Handy, da ich den Bus gerade noch erwischt hatte und die schweißig-feuchte Luft des Businneren einatmete. „Hast du Lena schon Bescheid gegeben?“
„Ich kann sie nicht erreichen! Vielleicht hat sie Männerbesuch oder lässt sich gerade die Nägel machen“, ätzte Ben.
„Wir sollten wirklich noch mal über dein Frauenbild sprechen. Aber wie steht es um Ole und Sora?“
„Das ist eine gute Frage. Denn gerade herrscht Totenstille. Oh Gott, hoffentlich hat Ole nicht mit der Bastelschere… Oder Sora mit dem Brieföffner…“
„Ole hat einen Brieföffner?“, fragte ich irritiert zurück.
„Manche Sachen willst du nicht über ihn wissen. Zum Beispiel, wie viele Haare er beim Duschen verliert. Ich frage mich immer, woher die kommen.“

Natürlich geben uns Menschen immer wieder Rätsel auf. Nicht nur, was ihren Besitz von Brieföffnern oder ihren Haarverlust angeht, sondern auch, wieso sie sich manchmal genau so verhalten und nicht anders. Warum hatte Ole mit Sora per SMS Schluss machen müssen? Es war der einfachste, aber zugleich auch der feigste Weg, den Partner abzuservieren. Und das auch noch, ohne wirklich einmal mit Sora über seine Vorwürfe gesprochen zu haben, was gar nicht zu dem sonst so reflektierten Ole passen wollte.

Ich fragte mich: Konnte man wirklich aus den Menschen in seinem Umfeld schlau werden? Oder stellten wir immer wieder nur Thesen auf, die sich manchmal bewahrheiteten oder eben nicht? Kurzum: Wie gut konnte man seine Freunde wirklich kennen?

Kurze Zeit später erreichte ich die WG, und Ben öffnete mir prompt die Tür. 
„Da bist du ja endlich! Seit zehn Minuten ist hier gespenstische Ruhe. Meinst du, sie haben sich gegenseitig erwürgt? Geht sowas eigentlich?“, plapperte Ben vor sich hin und ich folgte ihm intuitiv in die Küche, in der er mir eine Tasse Kaffee einschenkte.

„Jetzt setzen wir uns erst einmal hin und überlegen, was wir…“, versuchte ich Ben zu beruhigen, wurde aber jäh von einem quietschenden Geräusch unterbrochen. Wir spitzten die Ohren. Zunächst waren wir verwundert, doch als das Quietschen immer rhythmischer und schneller wurde, fing ich an zu lachen.
„Was gibt’s denn zu lachen? Das hört sich an, als würde sie gerade die Stellschrauben am Folterstuhl enger schrauben!“, sagte Ben, doch ich hatte mittlerweile einen richtigen Lachflash.

„Sie haben Sex. Das ist Oles quietschendes Bett, kein Folterstuhl“, prustete ich heraus. Und siehe da: Keine zwanzig Minuten später kamen Ole und Sora – bekleidet, aber mit zerzausten Haaren – in die Küche.
„Was machst du denn hier?“, fragte mich Ole irritiert.
„Ben hat mich gerufen, weil euer Streit zu eskalieren drohte und ich euch beiden eigentlich gut zureden sollte. Aber anscheinend habt ihr die ganze Sache auch selbst aus der Welt schaffen können.“ Ole errötete, sah Sora unsicher an und nahm dann ihre Hand. Verdammt, sie waren einfach ein süßes Paar.

„Ja, ich habe mich geirrt und vollkommen überreagiert“, stammelte Ole verlegen und sah Sora glücklich an, da sie ihm offensichtlich verziehen hatte. „Der Streit ist wie weggeblasen.“
Ben, Sora und ich bekamen dank dieser wunderbaren Zweideutigkeit einen schrecklichen Lachanfall und doch wurde mir klar: Natürlich überraschten uns unsere Freunde manchmal, dafür waren sie selbstständige Individuen. Ole hatte eine Vorgeschichte mit dem Fremdgehen seiner Ex-Freundin, die ihn geprägt hatte – das hatte Sora zu spüren bekommen. Und doch offenbarte sich hier Oles wahre (und bekannte) Stärke: Er war ein kluger Kopf und doch nicht so stur, wie man denken konnte. Sora hatte ihn einfach nur etwas stärker – und lauter – daran erinnern müssen, wer er eigentlich ist.

Ein schönes (und quietschendes) Wochenende wünscht euch

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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