Das Ex-Comeback

„Ich hasse Menschen, die sich nach einem Date einfach nicht mehr melden“, motzte Ben, als wir die U-Bahn-Station Sternschanze erreichten. Lena und ich sahen ihn fragend an. „Der Kerl, mit dem ich auch in der Bibliothek geschrieben habe, ihr wisst schon. Wir haben uns getroffen, und es war wirklich nett, wir haben uns gut unterhalten. Doch seitdem habe ich nichts mehr von ihm gehört, er antwortet auf keine Nachricht.“

„Wie lange ist euer Date denn her?“, fragte Lena, und ich konnte mir schon denken, worauf sie hinauswollte. 
„Zwei Tage. Wieso?“, fragte Ben und zog die Augenbrauen hoch.
„Er folgt einfach nur der Drei-Tage-Regel und will sich interessant machen. Und wer sich zuerst rührt, hat verloren“, erklärte Lena und ich erinnerte mich an die lange Diskussion, die wir darüber vor einem Jahr geführt hatten.
„Ich habe aber keine Lust, beim Daten taktieren zu müssen. Entweder mag ich jemanden oder nicht. Da schaue ich doch nicht in den Kalender und mache mir ein Kreuzchen, wann ich mich wieder melden darf.“
„Wie süß und romantisch du bist, Ben. Wie immer im Leben geht es nur um Macht. Auch in Beziehungen. Und die meiste Macht hat nun einmal der, der nicht zu früh aus der Deckung kommt und sich nicht verletzlich macht. So einfach ist das.“

Wäre Ole da gewesen, hätte er sich sicherlich wieder über Lenas Argumentation aufgeregt, doch er besuchte Sora in Frankfurt und leistete immer noch Abbitte für sein sinnloses Schlussmachen im Januar. 
Ben erwiderte nichts auf Lenas Macht-in-der-Beziehung-Überlegungen, sondern lief schweigend neben uns her in Richtung Schanze. Ganz in der Nähe der Roten Flora, dem alternativen Kulturzentrum, um das es gerade in den letzten Monaten viele Streitereien gegeben hatte, gab es eine ganze Reihe von Bars. Darunter auch unser heutiges Ziel, die Bar mit dem tierischen Namen „Katze“, in der es gute Caipirinhas gab. Uns empfing ein relativ hoher Lautstärkepegel, denn die Bar war ziemlich gut besucht. Doch selbst unter all den Menschen, die ich nicht kannte, fiel mir direkt an der Theke ein bekanntes Gesicht auf – Phil, Lenas Ex-Freund.

„Wollen wir nicht vielleicht woanders hingehen? Es ist hier ziemlich voll“, versuchte ich ein Aufeinandertreffen mit ungeahnten Konsequenzen zu vermeiden, doch Lena widersprach vehement. 
„Wir brauchen doch keinen Tisch für uns, sondern können uns einfach irgendwo dazusetzen. Ich hole uns mal was zu trinken.“ Noch bevor ich etwas erwidern konnte, kämpfte sie sich auch schon vor in Richtung Theke. 
„Da vorne steht Lenas Ex“, sagte ich zu Ben, der ihr Zusammenkommen und die Trennung nicht miterlebt hatte, weil er erst danach in Oles WG gezogen war.

Ich fasste die ganzen Beziehungsprobleme – vor allem in der Kommunikation – zusammen, da erreichte Lena die Theke. Und wie sollte es anders sein, stand sie direkt neben ihrem Ex. Für den Bruchteil einer Sekunde entglitten ihr die Gesichtszüge, Lena fing sich aber schnell wieder und setzte ihr freundlichstes Kunst-Lächeln auf. 
„Du kannst nicht zufällig Lippen lesen?“, fragte ich Ben, weil ich zu gerne gewusst hätte, was die beiden so redeten. 
„Wenn jemand Arschloch sagt, erkenne ich es. Das war's aber.“ Also mussten wir auf Infos über das Gespräch warten, bis Lena mit drei Caipis in der Hand zurückkehrte, inklusive einem breiten Lächeln auf den Lippen. Ob es noch künstlich oder doch echt war? Schwer zu sagen.

„Kommt, wir können zu ihm und Dörte an den Tisch“, sagte Lena.
„Wer ist Dörte?“, fragten Ben und ich gleichzeitig.
„Seine neue Freundin.“ Ich kannte Lena lange genug, um jede Regung in ihrem Gesicht bemerkten zu können. Und auch, wenn es sonst wohl niemand sah, registrierte ich das Zucken der Mundwinkel, als sie den Namen Dörte aussprach. Ganz so, als müsste sie sich mental übergeben. Wir quetschten uns an den anderen Barbesuchern vorbei in Richtung Tische, und da saß es: das komplette Gegenteil von Lena. Dörte war schwarzhaarig, eher stämmig und eher dreißig als noch zwanzig. Phil hatte sich nicht unbedingt nach oben geschlafen.

Und genau so seltsam, wie diese gesamte Konstellation war – Lena mit Ex-Freund, dazu seine Neue sowie Ben und ich als Unbeteiligte in diesem Dreieck –, so seltsam waren auch die Gesprächsthemen. Während Ben und ich sein Date weiter aufarbeiteten, redeten die drei erst über Mietpreise, dann Kinderkrippen und irgendwann über Reiskocher.

Um kurz nach ein Uhr standen Dörte und Phil auf: „Wir müssen morgen früh zu einer Wohnungsbesichtigung, da wollen wir ausgeschlafen sein“, sagte Dörte an mich gewandt, und ich nickte höflich, beobachtete aber aus dem Augenwinkel Phil und Lena. Auch sie verabschiedeten sich, jedoch mit einer Umarmung, bei der ein Zettel fast unmerklich von Phils in Lenas Hand wanderte. Noch ein kurzes Lächeln und Winken, dann gingen die beiden. Zurück blieben Ben, dem ich wieder Hoffnung auf eine Beziehung eingeimpft hatte, Lena mit weiterhin undefinierbarem Lächeln, und ich.

„Und, wie war es, seine Neue zu sehen?“, fragte Ben, und Lena zuckte mit den Schultern. „Dörte war doch nett“, sagte sie. Sonst nichts. Und spätestens da regte sich mein sechster Sinn.
„Sag mir bitte nicht, dass du noch auf Phil stehst“, platzte es aus mir heraus.
„Ich?! Auf Phil?!“, sagte Lena entrüstet.
Doch was ich in ihren Augen sah, war keine Entrüstung. Sie war ertappt. Denn wie können wir uns wirklich je sicher sein, unsere Exen überwunden zu haben, bis zu dem Moment, in dem wir sie wiedersehen?

Zwar hatten sich Lena und Phil schon einmal kurz nach ihrer Trennung getroffen. Aber jetzt, nach einem Dreivierteljahr, sollte die Situation eine andere sein. Sollte. Denn egal, wie sehr sie nach außen den Eindruck vermitteln wollte – Lena war noch immer nicht emotional immun gegen Phil. Dörte hin oder her. Vielleicht hatte ihre Anwesenheit Lenas Jagdinstinkt auch nur noch verstärkt. Ich war mir sicher, dass sie zumindest eines schon erbeutet hatte: Phils neue Handynummer, auf jenem Zettel, den er ihr zugesteckt hatte. Und das alles roch nach verdammt viel Ärger.

Ein schönes (und funkendes) Wochenende wünscht euch

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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