Das Ex-und-Hopp-Treffen

Lena machte ihm Mut: „Du musst auch mal auf ein Mädel zugehen, wenn es dir gefällt“, sagte sie, als wir gerade die U-Bahn-Station Feldstraße verließen. In der Nähe lag das Heiligengeistfeld, in dem der FC St. Pauli seine Heimspiele austrägt, aber um kurz vor Mitternacht waren auch hier nur noch Feierwütige wie wir unterwegs.
„Ich bin halt manchmal ein bisschen schüchtern“, sagte Ole, doch Lena bot ihm ihre Hilfe an: „Schlimmstenfalls schubse ich dich einfach gegen irgendeine hübsche Frau, dann kommt ihr schon ins Gespräch.“

Unser Ziel war die Location "Grüner Jäger", in der heute Abend eine Party stattfand. Von außen war der Laden recht unscheinbar, doch drinnen war es ziemlich voll und stickig. Unzählige Menschen tanzten bereits dicht gedrängt, und wir drei quetschten an ihnen vorbei, in der Hoffnung, irgendwo noch ein freies Plätzchen zu finden. Nachdem ich drei Ellenbogen in die Seite bekommen hatte, gaben wir die Suche nach einem größeren freien Flecken auf und blieben stehen.
„Ich hätte gerade gerne Phil hier. Der würde uns Platz machen“, murrte Lena, die genauso wenig wie wir Platz zum Tanzen hatte. 
„Vermisst du ihn noch?“, schrie ich sie über die Musik hinweg an, da gerade „Let There Be Love“ von Christina Aguilera in voller Lautstärke lief.
„Manchmal“, war ihre lapidare Antwort.
„Aber vermisst du wirklich ihn oder einfach nur das Gefühl, dass jemand für dich da ist?“, fragte ich Lena. Für einen Moment sah sie mich erschrocken an, als hätte ich eine abscheuliche Frage gestellt, doch dann zuckte sie mit den Schultern. Das war keine eindeutige Antwort, aber meine Vermutung war: Lena fühlte sich noch immer wie ein Junkie auf Entzug. Ihr fehlte Phil nur, weil er ihre Droge gewesen war und sie kurzzeitig glücklich gemacht hatte. Und wenn der Stoff plötzlich fehlte, vermisste man eben das Gefühl, das er hervorrief – aber nicht die Droge selbst. Doch aufgrund der immensen Lautstärke war es ein eher schlechter Zeitpunkt für ein semi-philosophisches Gespräch.

Außerdem quetschten sich die ganze Zeit Leute an uns vorbei, rempelten uns an und liefen mitten durch unser kleines Dreier-Grüppchen, so dass man sich kaum unterhalten konnte. Gerade rempelte mich wieder jemand Breitschultriges an, und ich war kurz davor, wirklich böse zu werden, da erkannte ich den Übeltäter.
„Phil?!“, rief ich, ohne wirklich nachzudenken. Damit sorgte ich nicht nur für Lenas ungeteilte Aufmerksamkeit, sondern – trotz der lauten Musik – auch für Phils. Beide blickten mich für einen Moment irritiert an, bevor sich ihre Blicke trafen und beide in eine kurze Schockstarre verfielen. Als wäre die Zeit stehen geblieben, bewegte sich für einige Sekunden keiner von ihnen. Dann erschien auf beiden Gesichtern ein irritiertes Lächeln, das vieles gleichzeitig zu fragen schien: Was macht der/die denn hier? Sollen wir uns umarmen? Wie lange sollen wir Smalltalk halten? Geht Sex mit dem/der Ex?

Zumindest die zweite Frage wurde schnell beantwortet: Sie umarmten sich und schrien beide gleichzeitig: „Was machst du denn hier?“ Und natürlich lachten sie auch beide gleichzeitig verlegen. Hätten sie sich nicht gerade erst getrennt, hätte man meinen können, da läge Chemie in der Luft. Vielleicht war es aber auch nur der Dampf der Nebelmaschine. Jedenfalls war ich beruhigt, dass sie sich nicht gleich die Augen auskratzen oder wüst beschimpften.

Nach der Begrüßung (und dem Ausbleiben von Animositäten) folgte der zweite Schritt, nämlich der Smalltalk. Natürlich waren beide mit ihren jeweiligen Freunden unterwegs, so sagten sie, und wollten „mal wieder raus“. Das war ein Synonym für: Ich bin wieder Single und genieße das. Nach fünf Minuten war das Schauspiel auch schon wieder vorbei, und Phil ging mit seinen Freunden an das andere Ende der Tanzfläche. Lena setzte ihr Pokerface auf, und erst vier Stunden später auf dem Rückweg zur U-Bahn konnte ich sie ohne Geschrei fragen, wie es ihr nun ging.
„Es war halt das erste Wiedersehen mit meinem Ex. Das ist nie lustig, vor allem, wenn es vollkommen unerwartet ist. Es ist ja nicht so, als gäbe es an einem Samstagabend nur eine Party in Hamburg“, erklärte sie. Und an mich gerichtet: „Ja, Hamburg ist wie ein Dorf, du hast recht.“ Ich grinste belustigt.
„War es komisch, ihn zu sehen?“, hakte Ole nach, der heute wieder leer ausgegangen war, doch er wollte eigentlich nur eines wissen: Hatte Lena noch Gefühle für Phil?
„Nein, nicht komisch. Vielleicht wäre es komisch gewesen, wenn er eine Tussi vor meinen Augen abgeschleppt hätte. Aber es hat mir gezeigt, dass ich ihn noch immer als Menschen mag. Nicht mehr und nicht weniger.“ Damit war das Thema für Lena beendet – zumindest offiziell.

Immerhin war alles gut gegangen. Denn oftmals endete das erste (und auch die folgenden) Treffen mit dem Ex in einem mittleren Drama, in dem die besten Freunde Fleischwunden vermeiden mussten. Vielleicht waren Phil und Lena so erwachsen, um über all den Rosenkrieg-Trennungen zu stehen. Oder sie mochten sich noch immer zu sehr, um sich die Augen auszukratzen.


Ein schönes (und tanzbares) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Kommentare (0)
Mehr aus Alexander in der midde