Das L-Wort

Lena strahlte und lächelte. Noch mehr als sonst, wenn sie wie ein Wirbelwind durchs Leben fegte. Nein, ihr Gesicht sagte noch viel mehr. Es sagte: Ich bin verknallt! Bis über beide Ohren, bis in jede Haarspitze, bis in den kleinen Zeh. Durch ihren ganzen Körper waberte das Glücksgefühl, das nur Menschen spürten und auch ausstrahlten, wenn sie frisch verschossen waren.


„Ich bin so glücklich, so glücklich“, singsangte sie auch noch, als sie mich umarmte – und konnte kaum von ihrem Handy lassen. Denn immer wieder schrieb Phil, ihr 3-Tage-Wartenlassen-Kerl, oder antwortete ihr. Und das, obwohl jetzt eigentlich unsere Cocktail-Zeit war. Und nicht Hasipupsi-Zeit. 
„Moment, ich muss ihm nur noch schnell antworten“, sagte sie zum gefühlt hundertsten Mal und ich hatte Zeit, nachzudenken. Über die Liebe.


Jenes Gefühl, das jeder von uns kennt, jeder liebt und das doch so schrecklich weh tun kann, wenn es nicht erwidert wird. Für mich bedeutete Liebe, dass man seinen Partner anlächelte, obwohl es nichts Lustiges gab. Wenn man im Arm des anderen einschlief und das nicht unbequem fand. Wenn man plötzlich die Kuschelrock-CDs von Mama klaute und sie mit dem oder der Liebsten anhörte. Zwar konnte ich mir nicht wirklich vorstellen, dass Lena mit Phil Kuschelrock-CDs hörte. Aber Verliebte und Schwangere taten ziemlich seltsame Sachen, wenn die Hormone verrücktspielten.


„Sag mal Lena, bist du eigentlich in Phil verliebt?“
Sie sah mich entgeistert an. 
„Soll ich dir jetzt wirklich die drei Stufen der großen Gefühle erklären?“
Ich zuckte mit den Schultern, was ‚Ja‘ hieß.


„Also es gibt verknallt, verliebt und die Liebe. Und ich bin verknallt“, fügte sie verknallt-lächelnd hinzu. Lenas Theorie mit den drei Stufen sah so aus:
Verknallen konnte man sich recht schnell und kurz. Da war das hübsche Mädchen aus der Parallelklasse, das einem nicht mehr aus dem Kopf gehen wollte, nachdem man es einmal gesehen hatte. Da war dieses flaue Gefühl im Magen, aber mehr noch Bewunderung und ein bisschen Vernarrtheit. Man kannte sich nicht oder nicht gut, aber hatte da so ein Kribbeln im Bauch – aber der Himmel war erst rosarot, es regnete noch keine roten Rosen.


Verlieben war da schon etwas anderes: Man kannte den Menschen besser, kannte seine Macken – und hatte trotzdem Gefühle für ihn oder sie. Da war mehr als nur ein Ameisenkribbeln im Bauch. Da war dieses Gefühl, dass dieser Mensch etwas Besonderes ist. Die Augen strahlten, wenn man ihn sah. Man wollte ihn ganz nah bei sich haben, in seinen Armen einschlafen und schwebte irgendwo zwischen Wolke sechs und sieben.


Wenn man diese beiden Phasen überstanden hatte und Person X immer noch den ganzen Tag um sich haben wollte, sprach man laut Lena von Liebe. Liebe, das bedeutet für sie Vertrauen. „Wenn diese Liebe auf Gegenseitigkeit beruht, dann weiß ich, dass er mich so akzeptiert, wie ich bin. Dann liebe ich einen Menschen nicht trotz seiner Macken, sondern genau wegen ihnen. Weil er die Zahnpasta-Tube nicht zudreht. Weil er beim Telefonieren immer durch die Gegend läuft. Weil er sein Handy immer verliert und ihn jemand anklingeln muss, um es wieder zu finden. Und erst dann nehme ich das L-Wort in den Mund.“


Ich nickte und fragte mich, ob alle verknallten Menschen so philosophisch gestimmt waren oder es an Lena lag.
„Das sind in groben Zügen die drei Phasen. Sie können ineinander übergehen, also erst verknallt, dann verliebt und zum Schluss Liebe. Blöd ist es nur, wenn das nicht erhört wird. Dann kommt ein bitteres Ende mit Herzschmerz und so.“ Da stimmte ich Lena zu: Weil die Liebe ein so grenzenloses und vertrauensbasiertes Geschäft war, tat es am meisten weh, wenn sie enttäuscht wurde. Wenn der Partner eben nicht ehrlich war, nicht zu einem stand und die Macken des anderen eigentlich hasste. Das waren die offiziellen Schattenseiten der Liebe.


Die inoffiziellen waren, dass die beste Freundin diese wunderbare Theorie gleich ihrem Liebsten in Kurzform mitteilen musste – und dann wieder deutlich machte, dass sie echt ganz schön verknallt war.

Ein schönes (und liebevolles) Wochenende wünscht euch,
Alexander Karl    

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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