Das Langeweile-Spannung-Verhältnis

Lenas Finger huschten über den Bildschirm ihres Smartphones und wir sahen eine mäßig hübsche Blondine bei so ziemlich allen Dingen, die ich auch irgendwann in meinem Leben noch einmal machen wollte: Neben den Bildern aus Ägypten und Australien gab es noch welche von Beyoncé- und Lady-Gaga- Konzerten, vor der Golden Gate Bridge und einem Kasino in Las Vegas. Ach ja: Und von Shoppingtripps in Paris und Florenz, jeweils mit neuer Louis Vuitton-Tasche, versteht sich.

„Diese Tussi ist unglaublich… Sie ist immer und überall! Und postet das alles auf Facebook, damit jeder so richtig schön neidisch auf sie ist“, ätzte Lena und trank wütend einen Schluck aus ihrem Kaffeebecher.
„Wer ist das denn? Und vor allem: Wie kann sie sich das leisten?“, fragte ich nach.
„Ach, so eine Tussi, mit der ich im ersten Semester in einem Kurs war. Ich glaube, ihr Studium ist nur Alibi, denn eigentlich lebt sie von Papis Geld ziemlich gut. Wie man auf den beschissenen Bildern sehen kann. Die hat ein Leben! Und ich sitze hier in Hamburg rum.“

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Ich könnte jetzt natürlich entgegnen, dass es durchaus Schlimmeres gab, als mit seinen drei besten Freunden bei einem Kaffee in der Hamburger Innenstadt zu sitzen, aber das war nicht unbedingt das, was Lena hören wollte.
„Sicher, dass sie nicht nur einfach gut mit Photoshop umgehen kann?“, fragte der Pragmatiker Ole, der nach der Reunion mit Sora wieder wie immer war. Doch Lena schüttelte den Kopf.

„Das bezweifle ich. Nein, der Punkt ist einfach, dass ihr Leben tausend Mal cooler und spannender ist als meines“, sagte Lena, und ich konnte ein trauriges Blinzeln in ihren Augen erkennen.
Das konnte ich natürlich nachvollziehen – wer würde nicht auch mal gerne Urlaub in Australien machen oder auf jedem Konzert seines Lieblingsmusikers in der ersten Reihe stehen. Aber andererseits dachte Lena zu kurz. Die Frage ist nicht nur: Ist das Leben einer anderen Person langweiliger oder spannender als meines? Nein, vielmehr ist die Frage: Will ich von anderen für spannend gehalten werden? Und wenn ja – warum?

„Lena, du bist nicht langweilig! Du postest einfach nur nicht jeden Schritt, den du machst“, versuchte ich sie zu beruhigen.
„Sorry Alex, aber wollen wir jetzt wirklich einen gemeinsamen Kaffee mit einem Kurztripp nach Las Vegas und San Francisco vergleichen? Da gibt es doch deutliche Unterschiede im Langeweile-Spannung-Verhältnis.“
„Die da wären?“, hakte ich nach.
„Es ist doch so: Bestimmte Dinge nehmen wir einfach als alltäglich hin. Zum Beispiel, dass wir uns immer wieder treffen, ab und zu mal feiern gehen, Kaffee trinken, was weiß ich. Aber nicht alltäglich ist nun einmal ein Shoppingtripp nach Paris auf der Suche nach der schönsten Louis Vuitton-Handtasche“, erklärte Lena.

„Poste doch einfach mal das, was du erlebst. Zum Beispiel ein Bild von jedem Kerl, mit dem du Sex hast“, meinte Ben schulterzuckend und schob schnell noch ein „no offence“ nach.
Dass Lena in sexueller Hinsicht eher eine femme fatale als ein Mauerblümchen war, ist hinlänglich bekannt. Aber Ben hatte damit einen ziemlich interessanten Punkt ins Spiel gebracht.
„Lassen wir den Sex mal außen vor – fällt euch auf den Bildern nichts auf?“ Ich sah die drei einige Sekunden stumm an, bevor ich mit der Antwort herausrückte. „Sie ist überall alleine. Niemand, mit dem sie Fallschirm springt, niemand, den sie beim Beyoncé-Konzert im Arm hat, keine Freunde, die sie nach Paris mitnimmt. Sie postet diese ganzen coolen Bilder nur, damit niemand sieht, wie einsam sie eigentlich ist.“

Wieder legten sich einige Sekunden des Schweigens über unseren Kaffeetassen-Tisch. 
„Und das ist der Unterschied: Du hast Freunde, Lena, mit denen du Dinge unternimmst. Vielleicht bist du nicht in L.A. oder Paris, sondern in Hamburg. Aber du bist immerhin nicht alleine.“ 
Lena sah mich für ein paar Sekunden nachdenklich an, dann griff sie nach ihrem Handy und tippte darauf herum. Ben, Ole und ich tauschten skeptische Blicke aus: Schrieb sie gerade böse Kommentare unter die Bilder der Tussi? Oder beendete sie ihre Facebook-Freundschaft? Bevor wir Lena fragen konnten, vibrierten unsere Smartphones auf dem Tisch und zeitgleich griffen wir danach:
Kaffeetrinken mit den Besten <3 mit Ole, Ben und Alex.
Ein Lächeln huschte über mein Gesicht und mein Finger auf den „Gefällt mir“-Button. 
„Eigentlich hättest du noch ein Bild machen müssen. Damit sie auch sieht, dass wir hier wirklich mit dir sitzen“, sagte Ben, doch Lena schüttelte den Kopf.
„Ach, die Tussi ist mir egal. Es geht um euch. Nicht das ihr denkt, ihr habt eine langweilige Freundin, die nichts macht.“


Ein schönes (und un-langweiliges) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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