Das Schneckenhaus-Problem

Trotz unseres Lebens im digitalen Zeitalter gibt es noch genügend Menschen, die tagelang nicht antworten oder sich gar nicht regen. Antwort-Verweigerer eben, die mich wahnsinnig machen! Zumal man bei Smartphone-Besitzern doch davon ausgehen kann, dass sie ihren Hightech-Apparat mindestens einmal am Tag zur Hand nehmen – und wenn es nur zum Checken der Uhrzeit ist. Aber handelt es sich bei den Antwort-Verweigerern zwangsläufig um Kommunikationsmuffel?

Bei Lena war die Sachlage einfach: SMS schreiben, spätestens eine Stunde später kam die Antwort (außer natürlich, sie schlief. Dann waren es auch schon mal sieben Stunden). Lena war überall online und wann immer ich sie traf, tippte sie auf dem Bildschirm herum, als würde ihr Leben davon abhängen. Mit Ole musste ich mehr Geduld haben, er benutzte sein Smartphone primär im Stil der frühen 2000er Jahre: Um Bescheid zu geben, dass seine S-Bahn Verspätung hatte oder er bereits vorm Kino auf mich wartete. Aber dann gab es noch jene schreckliche dritte Gruppe Mensch, zu der Jasmin gehörte. Jasmin und ich mussten in gut zwei Wochen ein Referat an der Uni halten (ja, Referate gab es da auch noch). Und Jasmin hatte ein Smartphone, das hatte ich gesehen. Während der Seminare tippte sie darauf auch fleißig herum. Doch wann immer ich ihr simste, wann wir uns zur Referatsvorbereitung treffen wollten, kam keine Antwort. Also schrieb ich ihr auf Facebook. Wieder die einfache Frage: Wann hast du Zeit für ein Treffen, um das Referat vorzubereiten? Und obwohl sie meine Nachricht gesehen hatte (was mir Facebook in bester Überwachungsmanier anzeigte), kam: nada.

„Ups, da habe ich glatt vergessen zu antworten“, sagte sie, als ich ihr eine Woche vor dem Referat über den Weg lief und sie auf ihre Nicht-Antworten ansprach. 
„Und, wann treffen wir uns?“, fragte ich sie nun noch einmal persönlich.
„Wie wäre es morgen?“, sagte sie unschuldig und ging weiter. 
„Das Schneckenhaus-Problem“, sagte Lena am Abend, als ich ihr von Jasmin und ihrer Antwort-Verweigerung erzählte. „Sie hat sich in ihr Schneckenhaus verkrochen und gehofft, dass du irgendwann schon aufgeben wirst. Was bei dir ein frommer Wunsch ist.“ Lena lächelte mich an und süffelte an ihrer Bloody Mary.
„Gut, ich bin da ein Spezialfall, ich bin generell hartnäckig. Aber du kannst doch nicht einfach so vor der Kommunikation fliehen. Jedes Schneckenhaus steht mittlerweile direkt neben der Datenautobahn.“
„Manche versuchen es aber weiterhin. Ich gehe da lieber in die Offensive und antworte so schnell wie möglich, damit es sich in meinem Posteingang nicht staut.“
„Wenn es nicht gerade kurz nach einem Date ist“, verwies ich auf ihre Drei-Tage-Regel. 
„Das ist was anderes“, sagte Lena und griff zu ihrem vibrierenden Smartphone. Sie las kurz, verdrehte die Augen und legte es weg. „Phil. Aber nur so blabla. Und das, obwohl ich heute Abend bei ihm bin. Der kann warten.“
„Stau auf der Datenautobahn an der Ausfahrt Lena“, sagte ich lachend. Lena verdrehte die Augen – etwas, was sie nur sehr selten tat. Nämlich dann, wenn sie genervt war.
 „Seitdem wir jetzt ‚zusammen‘ sind“, Lena selbst setzte das Wort mit ihren Fingern in Anführungszeichen, „nervt er nur noch. Treffen hier, treffen da. Und vor allem bombardiert er mich mit SMSen. Eigentlich haben wir uns gar nichts mehr zu sagen, wir schreiben uns sowieso jede Gefühlsregung.“ 
„Ich stelle mir eure Hochzeit lustig vor: Er schickt dem Pfarrer eine SMS mit ‚Ja, ich will‘.“ Lena nahm den Strohhalm ihrer Bloody Mary und stocherte im Glas herum. So, als wollte sie die blutende Mary noch einmal töten.
„Das war ein Spaß“, sagte ich schnell, aber Lena winkte ab und wechselte das Thema. Ihr Smartphone ließ sie den Rest des Abends vor sich hin vibrieren, während wir Cocktails tranken und sich Lena bei mir über ihre nun definierte Beziehung mit Phil ausheulte.

Es gibt verschiedene Gründe, eine kurze Pause auf dem Kommunikations-Highway einzulegen. Manchmal will man einen Kerl auf Distanz halten. Oder in Ruhe Cocktails trinken. Oder einfach nur ein Referat so lange wie möglich von sich wegschieben. Aber schlussendlich führt kein Weg an der Kommunikation vorbei, egal ob verbal oder schriftlich. Jasmin musste trotzdem ein Treffen mit mir vereinbaren und das Referat halten. Und Lena würde irgendwann ihrem Drei-Tage-Wartenlassen-Phil sagen müssen, dass es so nicht mehr weiterging. Oder es ihm zumindest schreiben.


Ein schönes (und kommunikationsreiches) Wochenende wünscht euch,
Alexander


Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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