Das Schweigen des Sushi-Röllchens


Lenas und mein Cocktailabend stand eigentlich an, doch ich hatte mich breitschlagen lassen, daraus einen „Heute lerne ich Phil kennen“-Abend zu machen. Phil, ihr Neuer, intern auch der 3-Tage-Wartenlassen- Kerl genannt, sollte mir zum ersten Mal neben einer Palette Sushi präsentiert werden. Damit es zu keinem Pärchen-plus-1-Abend kam, bei dem die beiden sich vollschleimten und ich wie alte Sojasoße nur dumm rumstand, lud ich Ole als moralische Unterstützung ein. Was meine beste Idee seit dem Wechsel meines Telefonanbieters gewesen war.


Ole und ich saßen bereits mit einem Astra, dem typischen Bier in Hamburg, an einem Tisch und lauschten dem chinesischen Pling-Pling aus den Lautsprechern, als die beiden händchenhaltend auftauchten: Lena breit grinsend und Phil mit einer Miene, als hätte man ihn einen vergifteten Kugelfisch essen lassen und dann schockgefroren. Ole und ich stellten uns artig vor. Phil nickte. Das war’s. Stattdessen griff er mit der linken nach Lenas Hand, zog mit der rechten sein Handy aus der Hosentasche und begann, wild darauf herumzutippen. Brrrzzz meldete sich sein vibrierendes Handy. Phil hatte Antwort erhalten.

Währenddessen legte Lena mit ihrer „Das haben Phil und ich heute Tolles gemacht“-Geschichte los. Stumm wie ein Sushi-Röllchen saß er neben ihr, simste durch die Gegend und hielt ihre Hand. Lena knackte die 1000-Wörter-Monolog-Marke, als Ole und ich unser erstes Bier leergetrunken hatten – nur unterbrochen von hunderten brrrzzz. Dann kam eine Kellnerin und nahm unsere Bestellung auf. Phil blickte für eine Millisekunde von seinem Handy auf und sagte: „Acht Maki mit Gurke und Frischkäse.“ Dann tippte er schweigend weiter.


Immerhin mehr Worte, als die Sushi-Röllchen auf meinem Teller von sich gaben. Was eine deutlich größere Attraktion gewesen wäre als der schweigende und tippende Phil. Lena hatte in dieser sich anbahnenden Beziehung das klare Redemonopol, während er fürs Händewärmen und Klappe halten zuständig war. Zähe zwei Stunden mit Maki, Wasabi und brrrzzz-Attacken von Phil vergingen, bevor Lena mich auf dem Rückweg von der Toilette abfing.
„Und wie findest du ihn?“


Da war er: Dieser Blick, der nach meinem positiven Urteil hungerte. Der hören wollte, welch tollen Hecht sie sich da geangelt hatte. Aber mein ehrliches Urteil hielt ihn eher für eine Gurke in einem Maki-Röllchen. Doch die Frage war: Wie viel Diplomatie brauchte eine Freundschaft wirklich? Musste ich Lena nicht die Wahrheit sagen und sie aus ihrem Dornröschenschlaf wecken? Welche Aufgaben sah unser Freundschafts-Vertrag in diesem seltsamen Fall vor – und welche nicht? Denn ich war mir sicher: Phil war nicht der Mann, der Lena auch nur ansatzweise glücklich machen würde. Zumindest nicht länger als vier Wochen oder zehn Sätze von ihm. Zwar mochte sie es noch genießen, dass er schwieg und sie redete – aber ich war mir sicher, dass das nicht lange so bleiben würde.


Ich machte von einer Klausel in unserem Freundschaftsvertrag gebrauch, die besagte: Bastele lieber ein wenig an der Wahrheit, bevor du deine beste Freundin verletzt.


„Er wirkt nett“, sagte ich und setzte mich mit Lena wieder zu Ole und Phil an den Tisch, wo er sofort wieder ihre Hand hielt – und seine Klappe. Brrrzzz.
Seit zwei Stunden war ich wieder zu Hause. Ole und ich hatten uns noch kurz über Phil unterhalten und eines war uns beiden klar: Sein Mindesthaltbarkeitsdatum in Lenas Leben war so kurz wie das von rohem Fisch. Und doch ließen wir beide unsere Freundin ihre eigene Entscheidung treffen – denn sie war alt genug um zu wissen, was ihr schmeckte und was nicht. Irgendwann würde sie genug von brrrzzz-Phil haben. Das wussten Ole und ich. Nur Lena noch nicht.


Ein schönes (und sushiges) Wochenende wünscht euch,
Alexander


Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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