Das Spam-Mädchen

„Das wird bestimmt spannend. Hast du Chips oder Popcorn?“, scherzte Lena und sah Ole erwartungsvoll an. Wir saßen in der Küche der WG von Ole und seinem schwulen Mitbewohner Ben bei typischer Kaffeeklatsch-Atmosphäre, auf dem Tisch standen Kekse und frischer Eiskaffee. Das einzig Ungewöhnliche war, dass der sonst so schüchterne Ole uns in seine Frauenprobleme einweihen wollte.

„Es geht um Sora. Ich habe sie letzte Woche in der Bibliothek kennengelernt. Sie hatte ein Problem mit ihrem Laptop, bei dem ich ihr geholfen habe. Als Dank hat sie mich daraufhin zu einem Kaffee eingeladen. Das Gespräch war wirklich nett, sie ist total sympathisch.“
„Und wobei sollen wir dir jetzt helfen? Klingt doch alles gut“, sagte Lena und mampfte einen Keks. 
„Ihr Problem war, dass sie ein PDF für einen Virus hielt. Sie hat mich gefragt, ob sie die öffnen kann oder es ihren Laptop lahmlegt“, erklärte Ole und man konnte ihm ansehen, wie unangenehm ihm selbst die Erinnerung an diese Situation war. „Ich verstehe nicht, wie sie absolut keine Ahnung davon haben kann. Sie hat kein Facebook oder Twitter und beantwortet ihre Spam-Mails.“
„Sie beantwortet ihre Spam-Mails?“, echoten Lena, Ben und ich gleichzeitig. Ole nickte nur seufzend. 
„Ja, sie schreibt dann: ‚Nein danke, ich bin eine Frau und möchte keine Penisvergrößerung.‘“ Das war ziemlich grotesk – und gleichzeitig lustig. Ich musste ziemlich laut lachen, weil ich mich fragte, was die Spam-Absender über solche Antworten dachten.

„Aber du magst sie?“, sagte Ben und konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Ole nickte. 
„Ja, wir haben uns gestern auch noch mal getroffen, und Sora ist wirklich super lustig. Ich habe viel mit ihr gelacht.“ Er musste schmunzeln. „Und auch ein wenig über sie, als sie mich fragte, ob ich eigentlich auch alle interessanten Nachrichtenartikel ausdrucke.“ Doch plötzlich wechselte sein Gesichtsausdruck und er blickte traurig drein. „Aber es gibt noch ein Problem: Sie zieht in einem Monat nach Frankfurt und studiert dort weiter.“

Man hätte eine Stecknadel fallen hören könnten, so mucksmäuschenstill waren wir. Wir alle hatten uns wirklich für Ole gefreut, dass er endlich jemanden gefunden hatte – auch wenn sie noch nicht so wirklich im 21. Jahrhundert angekommen war. 
„Ich weiß, ihr kennt euch noch nicht so lange, aber: Wärst du denn theoretisch auch bereit, eine Fernbeziehung einzugehen?“, fragte ich ganz pragmatisch. 
„Keine Ahnung. Ich mag Sora wirklich. Aber wir würden uns kaum sehen, und die Kommunikation wäre ein echtes Problem. Sie hat nicht mal Skype“, sagte Ole.
„Das ist ja wohl das geringste Problem. Das kannst du ihr ja wohl beibringen. Wenn ihr es wirklich wollt, klappt auch eine Fernbeziehung“, meinte Ben. „Ich hatte auch eine Fernbeziehung mit meinem Ex-Freund und es lief ein Jahr super.“
„Ja, und jetzt ist es dein Ex-Freund“, fuhr Lena scharf dazwischen. „Sorry Ole, aber ich glaube, das ist nichts für dich. Ich weiß, du willst eine Beziehung. Aber über hunderte Kilometer, und ihr seht euch nur einmal im Monat? Willst du das wirklich?“

Ole sah uns verzweifelt an. Er hatte keine Ahnung, was er wollte oder nicht. Aber gab es da nicht dieses schlaue Zitat, das Novalis zugeschrieben wird? „Wo Menschen sich wirklich lieben, ist die kleinste Entfernung zu groß und die größte Entfernung überwindbar.“ Und der hatte Ende des 18. Jahrhunderts gelebt, als es noch keine Flugzeuge gab! Konnte dann in unserer modernen Zeit nicht auch eine Beziehung über die Ferne funktionieren? Bei Ole war ich mir da nicht so sicher. Die beiden kannten sich bisher kaum, und selbst in einem Monat, wenn Sora an den Main ziehen würde, wäre ihre Beziehung wie ein rohes Hühnerei und sollte lieber mit Samthandschuhen angefasst werden.

„Und was sagt eigentlich Sora dazu? Könnte sie sich generell eine Fernbeziehung vorstellen?“, fragte Ben, aber Ole zuckte nur mit den Schultern. Dann schmunzelte er. 
„Eigentlich wollte ich das Thema gestern Abend ansprechen, aber dann…“
„Ihr hattet Sex!“, schrie Lena plötzlich. „Ich habe es mir gleich gedacht. Du hattest dieses glückliche Sex-Funkeln in den Augen! Und du erzählst mir nie mehr im Leben, dass ich nicht spontan Sex haben darf, ja?“ Ole nickte lachend. 
Vielleicht war genau das das Schöne im Leben: Alles konnte sich rasend schnell verändern, und man lernte wie aus dem Nichts einen ganz besonderen Menschen kennen. Das Wechselbad des Lebens ist nicht neu, bestimmt kannte es auch schon der gute alte Novalis. Zwar schien in unserer heutigen Zeit alles rasend schnell zu gehen – selbst über Beziehungen wurde schon kurze Zeit nach dem Kennenlernen spekuliert – aber das hatte auch etwas Gutes: Vielleicht schaffte Ole es auch rasend schnell, seine vielleicht-bald-Freundin Sora mit den Annehmlichkeiten des 21. Jahrhunderts vertraut zu machen.

Ein schönes (und technikfreundliches) Wochenende wünscht euch

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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