Dating abseits des Mainstreams

Immer wieder flackerte der Bildschirm von Bens Smartphone kurz auf, er las die Nachricht, schmunzelte, antwortete und widmete sich wieder für ein paar Sätze den Büchern, bevor die nächste Nachricht kam. Zumindest solange, bis Lena das ebenfalls mitbekam und flüsterte: „Mit wem schreibst du denn da?“
„Mit einem Kerl“, flüsterte Ole zurück, denn mit dem Betreten der Bibliothek legte jeder ein fast klosterähnliches Schweigegelübte ab, um seine Kommilitonen nicht bei der Arbeit zu stören.

„Wie sieht er aus?“, fragte Lena mit weiterhin gesenkter Stimme, und Ben hielt ihr das Smartphone hin. Anhand der bewundernd hochgezogenen Augenbrauen konnte ich vermuten, dass ihr gefiel, was sie sah.
„Was hat der denn für einen seltsamen Namen?“, hörte ich Lena wieder sagen, was nun auch Ole, der neben mir saß, mitbekam und ebenfalls aufhorchte. Wir vier rutschten näher zusammen, um uns beim Flüstern verstehen zu können.
„Das ist ein Nickname! Hast du noch nie jemand online gedatet?“, fragte Ben.
„Online-Dating ist ja mal so 2013! Ich reiße mir die Kerle auf Partys, im Supermarkt oder in der Uni auf“, sagte Lena etwas zu laut und erntete prompt ein „Pssst!“ aus der Reihe vor uns.

„Ich kann leider schlecht Kerle im Supermarkt anflirten, denn die Chance, dass er doch hetero ist, ist viel zu hoch. Viele Heteros finden es nicht so cool, wenn sie angemacht werden. Wenn du Glück hast, bekommst du nur einen blöden Spruch und keine Faust reingedrückt“, sagte Ben und verdrehte die Augen.
„Du musst also auf Onlinedating zurückgreifen, um einen Mann kennenzulernen?“, fragte Lena entrüstet.
„Na ja, oder ich gehe halt auf Schwulen-Partys“, antwortete Ben.
„Du bist also gezwungen, in einer rein schwulen Umgebung abseits des Mainstreams zu daten? Das geht ja mal gar nicht!“, sagte Lena wieder viel zu laut.
„Na ja, es vereinfacht diese ganze Dating-Sache ziemlich, aber wenn du es so sehen willst…“, sagte Ben. Ich konnte ihm ansehen, dass er die Sache so noch nie betrachtet hatte. „Auf offener Straße kannst du ja kaum erkennen, ob jemand schwul ist oder nicht. Das ist halt auf einem schwulen Datingportal oder auf Schwulen-Partys anders.“

Wieder kam aus der Reihe vor uns ein entrüstetes „Pssst!“, was Lena wiederum zum Rasen brachte. Sie stand auf, ging zu dem Pssst!-Sager und fauchte in normaler Lautstärke:
„Pass mal auf, Freundchen! Wir beschäftigen uns gerade mit wichtigen Themen der Gesellschaft und Gleichstellung. Es kann doch nicht sein, dass Menschen ausgegrenzt werden, nur weil sie sich verlieben wollen. Und wenn ich deine Bücher richtig verstehe, studierst du Soziologie. Also sparst du dir jetzt entweder dein doofes ‚Pssst!‘ und lernst etwas über angewandte Soziologie oder du solltest mal die Wahl deines Studienfachs überdenken.“

Das hatte gesessen. Der "Pssst!"-Sager nickte stumm, und Lena ging zurück zu ihrem Platz. Natürlich konnte ich nachvollziehen, dass er in einer Bibliothek in Ruhe arbeiten wollte. Aber es war doch ironisch, dass wir gerade bei solch einem gesellschaftlich oftmals noch tabuisierten Thema aufgefordert wurden, die Klappe zu halten. Da muss man nicht mal auf den Fußballplatz oder in die Schulen schauen, um das Tabu-Thema Homosexualität anzutreffen, sondern eben auch auf den Datingmarkt.

Wann kann ein Schwuler einen Heteromann anflirten, ohne mit einem dummen Spruch oder Faustschlag rechnen zu müssen? Wann kommen wir in unserer Gesellschaft endlich an den Punkt, an dem nicht mehr getuschelt wird, wenn unterschiedlich farbige Menschen zusammen sind? Denn die Frage ist doch generell: Wann können die Menschen endlich ein Leben und die Liebe fernab des Mainstreams akzeptieren?

„So, dann mal zurück zu deinem Kerl. Wie weit seid ihr? Habt ihr euch schon gedatet?“, fragte Lena in einer Lautstärke irgendwo zwischen Flüstern und normalem Gespräch.
„Nein, wir haben bisher nur miteinander geschrieben und ein bisschen geflirtet. Aber immerhin kann er das schon einmal ohne tausend Rechtschreibfehler. Wir wollen uns aber nächste Woche auf einen Kaffee treffen“, sagte Ben und ich sah das Funkeln in seinen Augen.

Und dieses Funkeln ist bei jedem gleich, der sich auf ein Date freut – fernab von allen Merkmalen der Hautfarbe, des Geschlechts oder der sexuellen Orientierung.

Ein schönes (und datendes) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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