Der Fast-Ex-Freund

Doch als Lena mit Phil so eine "Auszeit" vereinbarte, wusste sie genauso gut wie ich, dass es Schlussmachen auf Raten war. Denn meistens steht die Entscheidung schon längst fest, aber man hofft auf ein Wunder – oder will dem bald ehemaligen Partner zumindest die Chance geben, sich an das Leben ohne den anderen zu gewöhnen. Doch da hatte Lena die Rechnung ohne Phil gemacht. Aber der Reihe nach:

Es war Freitagmorgen, neun Uhr, als mein Handy klingelte. Lena. Und dabei wollte ich gerade meine Uni-Texte vorbereiten… 
„Hi, was gibt’s?“, fragte ich sie kurz angebunden, da der Blätterstapel mich vorwurfsvoll ansah. 
„Phil treibt mich in den Wahnsinn! Ich bekomme ständig SMSen und WhatsApp-Nachrichten von ihm. Wo ich bin, ob wir uns treffen oder telefonieren wollen.“
„Aber habt ihr nicht eigentlich eine zweiwöchige Funkstille vereinbart?“
„Doch, schon. Aber das interessiert ihn anscheinend nicht. Und gestern Nacht hat er mich angerufen. Ich war schon halb am Schlafen und bin aus Versehen drangegangen. Er meinte, dass er sich ändern kann und wir das alles wieder hinbekommen. Und er hat über eine Stunde nur geweint. Ich bin so fertig! Was soll ich tun?“
„Ach du Scheiße. Sorry wenn ich zynisch klinge, aber: Wie kann man denn eine Stunde am Stück heulen? Kann man so viele Tränen produzieren?“
„Ich habe absolut keine Ahnung. Er tut mir so schrecklich leid. Aber was soll ich tun?! Eigentlich weiß ich, dass es nicht so weitergehen kann. Aber er postet auf Facebook schon die ganze Zeit traurige Songs. Ich will ihm doch nicht das Herz brechen.“ 
„Das ist eine echt doofe Situation. Aber ich kann dir auch nicht sagen, was du machen sollst. Das musst ganz allein du wissen. Aber ich mache dir einen Vorschlag: Komm heute Abend auf ein Glas Wein vorbei und wir schauen einen Film, OK? Dann kommst du wenigstens ein bisschen raus und kannst dich ablenken.“
„Alles klar, bis dann“, sagte Lena und legte auf.

Als es um halb acht an meiner Tür klingelte, stand Lena mit verweinten Augen vor mir. 
„Oh Gott, was ist denn mit dir passiert?“, fragte ich sie und rechnete mit dem Schlimmsten: War sie ausgeraubt der fast überfahren worden?
„Wir haben uns eben getroffen. Und uns getrennt“, sagte sie nur und brach sofort wieder in Tränen aus. 
„Komm erst einmal rein. Und dann erzählst du mir alles in Ruhe.“
Zwei Stunden und zwei Taschentücher-Päckchen später hatten wir die Flasche Wein geleert und Lenas Tränen waren versiegt. Aber besser fühlte sich Lena noch immer nicht:
„Er wollte mir seine Eltern vorstellen! Ich habe ihm so viel bedeutet, und was mache ich? Ich mache einfach Schluss. Er hat mir geschworen, dass er alles anders macht, wenn ich ihm nur noch eine Chance gebe. Aber ich konnte nicht. Das wäre einfach nur unfair gewesen.“ Wieder musste Lena schluchzen und das, was ich immer gewusst hatte, bewahrheitete sich nun: Die sonst so toughe Lena war nun einmal auch nicht aus Stein.

Und so unglücklich sie in ihrer Beziehung mit Phil gewesen war – eine Trennung fiel niemandem leicht. Und egal, ob die Trennung prompt erfolgt oder auf Raten, es ist eigentlich immer das Gleiche: Mindestens einer heult danach.
„Vielleicht sollte es einfach nicht sein mit euch beiden. Ihr habt einfach nicht zusammengepasst. Ganz bestimmt wirst du mit irgendjemand anderem glücklich. Und Phil auch.“ Lena nickte schwach, und ich wusste, dass jetzt genug gesagt worden war. Ich legte die DVD von "Singin‘ in the Rain" ein und setzte mich wieder zu Lena auf die Couch.

Keine zehn Minuten später spürte ich, wie ihr Kopf gegen meine Schulter fiel. Sie war eingeschlafen. Ich schaute den Film noch zu Ende, stand ganz vorsichtig auf, um Lena nicht zu wecken und legte eine Decke über sie. Das war mein Job als ihr bester Freund. Und morgen früh, wenn sie ausgeschlafen hatte und sich fragte, ob die Trennung nicht doch ein Fehler gewesen war, würde ich da sein und ihr zuhören. Und auch in den nächsten Tagen und Wochen. Ich hoffte nur, dass auch Phil jemand hatte, der sich um ihn kümmerte.

Ein schönes (und trennungsarmes) Wochenende wünscht euch,
Alexander


Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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