Der Fast-Freund

Da geht man nach dem Kennenlernen entweder wieder auseinander oder bleibt zusammen. Was dabei oftmals fehlt, ist ein klares „Ja“ (oder „Nein“). Und zack hat man über ein Jahr niemand anderen mehr gedatet oder wohnt zusammen – ohne jemals „Ja“ angekreuzt zu haben. Denn manchmal sind Beziehungen wie Leberflecken: Plötzlich sind sie da und man weiß nicht, wann sie kamen. Und los wird man sie nur schmerzhaft.

Wie schmerzhaft eine Trennung ist, hat Lena zumindest mit Phil noch nicht erfahren. Die beiden trafen sich weiterhin, auch wenn Lena (mal wieder) drei Tage zu ihm auf Abstand gegangen war, nachdem er sie vor gut zwei Wochen versetzt hatte. Aber ob sie nun ihren Freund oder einfach nur irgendjemand hatte warten lassen, wusste sie selbst nicht.

„Woher soll ich wissen, ob wir zusammen sind? Wir haben da noch nicht drüber geredet.“ Schulterzuckend ging sie neben mir durch eine Budnikowsky-Filiale und nahm zwei Shampooflaschen aus dem Regal.

„Aber ihr kennt euch schon über zwei Monate. Du magst ihn doch, oder?“
„Klar, aber ich mag auch Nagellack.“ Sie nahm ein türkisfarbenes Fläschchen und klemmte es zu den Shampooflaschen zwischen Brust und Arm. „Und mögen hat ja auch nichts mit Zusammensein zu tun. Genauso wenig wie Sex. Den haben wir ja auch schon seit zwei Monaten und deshalb muss ich ihn nicht gleich heiraten.“

„Glückwunsch, Frau Atheistin, bei manchen Glaubensrichtungen sähe man das nicht so gerne. Aber glaubst du er denkt, dass ihr zusammen seid?“ 
„Was weiß ich. Ehrlich gesagt mache ich mir da auch keine Gedanken drüber. So wie es derzeit ist, ist es gut. Warum muss ich dem Ganzen einen Namen geben? Affäre, Beziehung, who cares? Mit solchen Wörtern läd man die Sache doch nur unnötig auf.“

Vielleicht hatte Lena Recht: Wenn man Dinge beim Namen nannte, wurden sie real. Und wenn sie ihre Beziehung zu Phil definierte, schwangen da immer auch Erwartungen und Aufgaben mit: Bei einer Beziehung die Monogamie, bei einer Affäre das Unverbindliche. Aber andererseits – musste man Zwischenmenschliches nicht doch definieren? Damit beide Seiten wussten, woran sie waren?

Lena und ich gingen nach unserem Drogerie-Einkauf wieder getrennte Wege, ich saß im Bus und las in einem Buch, als mein Handy klingelte.
„Hast du Phil irgendwas von unserem Gespräch erzählt?“, fuhr sie mich ohne Vorwarnung an. Und zwar so laut, dass die ältere Dame neben mir mich verwundert ansah.

„Nein, wie kommst du denn da darauf?“, fragte ich perplex.
„Phil hat mir gerade geschrieben, ob er – Zitat – ‚nur ein Betthupferl‘ für mich sei.“

„Schöne Formulierung“, sagte ich lachend, aber Lena war gar nicht zum Lachen zumute. 
„Nicht lustig! Ich habe keine Lust auf so ein Definitions-Ding. Ich will alles so lassen, wie es ist. Zusammen Sex haben, zusammen kochen und getrennt Wäschewaschen.“
„Viel Erfolg beim Lösen dieser Aufgabe. Aber ich schwöre bei meinem neuen Deo, dass ich nichts gesagt habe.“ Missmutig legte Lena auf.

Aber vielleicht hatte sie Recht, dass es nervig war, etwas so Abstraktes wie Gefühle zu definieren und damit ein Korsett aus Erwartungen anzulegen. Ob Phil nun ihre Affäre, ihr Fast-Freund oder doch ihr Freund war, mochte ihr egal sein – aber ihm anscheinend nicht. Denn egal, welche Beziehungs- oder Nicht-Beziehungsform man gerade lebte: Auch der andere war stets von Bedeutung und hatte ein Mitspracherecht. Außer dann, wenn man vor der Entscheidung weglief und den Undefinierten alleine zurückließ.

Ein schönes (und definitionsarmes) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Kommentare (0)
Mehr aus Alexander in der midde