Der Kosename des Grauens

„Was ist denn los?“, fragte Lena irritiert.
„Ole und Sora. Sie nennen sich die ganze Zeit Schatz. Haben die ihre Vornamen geändert oder was soll das?“
„Die sind halt zusammen. Viele Paare nennen sich Schatz. Was ist denn dein Problem?“

Das war eine gute Frage. Ich habe keine Ahnung, woher es kommt, aber ich mag den Kosenamen ‚Schatz‘ nicht. Für mich gibt es nichts Schlimmeres als diese sechs Buchstaben. Bei einem Schatz denke ich an eine Truhe voll Gold, der Piraten nachjagen. Aber weder war Sora eine Truhe voll Gold, noch Ole ein Pirat mit Augenklappe und Papagei auf der Schulter. Das sagte ich auch Lena, die herzhaft lachen musste.

„Aber der Kosename soll doch nur die Wertschätzung der beiden füreinander zeigen. Die beiden sehen den anderen halt als Hauptgewinn, das Beste, was ihnen passieren kann. Und dann führen sie auch noch eine Fernbeziehung. Da müssen sie ihre Gefühle füreinander sprachlich vermitteln, weil sie diese so selten live zeigen können“, erklärte Lena.
„Das war gerade ziemlich intellektuell, Lena. Ich dachte, du hättest schon Sekt getrunken?“, fragte ich sie, doch sie zuckte nur mit den Schultern.

Die U-Bahn hielt, und zu fünft stiegen wir ein. Während Ole und Sora es weiterhin schafften, in jedem zweiten Satz das Wort ‚Schatz‘ unterzubringen, dachte ich über Lenas Worte nach.  Warum gaben sich Menschen überhaupt Kosenamen wie Schatz, Liebling oder Hasipupsi? Hatte Lena recht, die meinte, dass man damit die Wertschätzung dem anderen gegenüber zum Ausdruck bringen wollte? Oder lag es vielmehr an der Gesellschaft, die uns zwang, dem Partner so einen Kosenamen zu geben? Eben weil es alle taten und sich Menschen nur ungern ausgeschlossen fühlten, nannte jeder seinen Partner Schatz? Am einfachsten war es, die beiden einfach zu fragen.

„Sora, Ole, warum nennt ihr euch Schatz?“
Die beiden sahen mich verdattert an, während Lena und Ben laut lachten. 
„Wie meinst du das?“, fragte Ole zurück.
„Ihr beide nennt euch Schatz und nicht Ole und Sora. Warum macht ihr das?“
„Weil wir ein Paar sind“, antwortete Sora. Ole fügte hinzu: „Und weil… keine Ahnung. Das macht doch jeder, oder?“
„Aber warum macht das jeder? Und dann auch noch öffentlich?“, bohrte ich weiter nach.
„Mit dem Wort zeigt man, dass mich Gefühle füreinander hat. Damit kann man sehr einfach zeigen, dass sich niemand an den eigenen Partner heranmachen soll. Das ist doch völlig normal. Jedes Paar gibt sich doch Kosenamen, auch öffentlich“, überlegte Ole.
„Einspruch! Frag doch mal ein homosexuelles Paar, ob es quer durch den Supermarkt seinen Partner mit ‚Schatz‘ rufen würde. Da hagelt es von genügend homophoben Idioten immer noch seltsame Blicke“, sagte Ben.
„OK, lassen wir die homophoben Idioten, die es hoffentlich nicht mehr lange geben wird, mal außen vor. Mit dem Wort ‚Schatz‘ zeigen eben viele, dass sie vergeben und glücklich sind. Nicht nur gegenüber der Umwelt, sondern auch gegenüber sich selbst und dem eigenen Partner“, sagte Ole.
„Und warum geht das nicht mit den Vornamen? ‚Schatz‘ ist doch kein bisschen individuell“, sagte ich und erntete Stille.

Denn für mich war das der entscheidende Punkt: Zwar war es schön und gut, seinem Partner Wertschätzung zuteilwerden zu lassen. Aber warum mit einem Wort, das wirklich jeder nahm? Wenn fünf Pärchen gemeinsam Abendessen gingen und einer ‚Schatz‘ rief, drehten sich doch alle um. 
Plötzlich fing Ole an zu lachen.
„Alex, ich mach dir einen Vorschlag: Wie wäre es, wenn Sora und ich uns heute Abend nur Ole-Schatz und Sora-Schatz nennen? Dann ist es viel individueller und wir reden uns sogar mit Vornamen an.“

Nun musste ich grinsen. Natürlich war es mir im Endeffekt egal, wie sich die beiden nannten. Meinetwegen könnte es auch Honigkuchenpferdchen und Zuckerschnütchen sein. Aber für mich persönlich erschloss sich das Prinzip der Kosenamen nicht, da war ich engstirnig.
„Und damit du dich jetzt nicht ausgegrenzt fühlst, nennen wir dich von jetzt an alle Alex-Schatz“, sagte Lena.

Natürlich versuchte ich ihr das auszureden, aber ihr kennt Lena: Sie ist stur. Und blöderweise sind das Ben, Ole und Sora auch. Deshalb nannten sie mich ernsthaft die ganze Nacht über Alex-Schatz. Egal, ob wir auf der Tanzfläche waren oder an der Bar ein Bier bestellten. Und soll ich ehrlich sein? Ein bisschen geschmeichelt war ich schon. Obwohl ich mir wie eine Schatztruhe voller Gold vorkam.

Ein schönes (und goldiges) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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