Der Soundtrack eines Abends

Ja, das Essen sollte nun einmal verdammt perfekt werden, immerhin kamen Ole und Lena zu mir. „Fuckin’ Perfect“, verdammt perfekt. Manchmal läuft ein Song genau im richtigen Moment, drückt genau das aus, was ich denke oder fühle – auch wenn ich, wie in diesem Fall, den Text ziemlich abstrahieren musste. Aber sei’s drum. Die zwei Worte aus dem Refrain passten nun einmal wie die Faust aufs Auge (was mich aus welchem Grund auch immer an „Eye of the Tiger“ von Survivor denken ließ).


Aber: Wie kommt es eigentlich, dass Songs so oft so gut zu dem passen, was wir denken oder tun? Dass wir uns wie in einem Film fühlen – und die Musik in unserem Kopf (oder aus unserem Kopfhörer) der Soundtrack dazu ist?
„Ich sitze voll oft im Bus, schaue aus dem Fenster und dann läuft einfach das perfekte Lied auf meinem iPod. Das ist zwar purer Zufall, aber dadurch irgendwie cool. Ich fühle mich dann wie in einem Film. Ihr wisst schon, wenn dann langsam auf den Protagonisten gezoomt und irgendeine Ballade darübergelegt wird“, erzählte Lena und schnitt ein Stück ihrer Lasagne klein. 
„Na ja, bei mir ist es eher so, dass ich in bestimmten Stimmungen absichtlich passende Musik höre.“ – „Du machst dir dann also deinen Soundtrack selbst?“, fragte ich Ole und er nickte.


„Ja, wenn ich einen stressigen Tag habe, höre ich mir ganz bewusst ‚Bad Day‘ von Daniel Powter an. Dann rege ich mich noch mal kurz auf und alles ist wieder gut“, sagte mein Kumpel und trank einen Schluck Wein.


„Ich hätte mir letztens gerne einen Song à la ‚Nein, ich will dir nicht sagen, was ich für dich empfinde‘ angehört“, sagte Lena. Ole und ich mussten lachen, denn Lena hatte ihrem Fast-Freund Phil partout nicht sagen wollen, was sie für ihn empfand und ob sie zusammen waren oder nicht.
„Seid ihr denn jetzt zusammen?“, fragte ich.


„Ja, wir sind jetzt zusammen. Nichts mehr mit ‚Single Ladies‘“, antwortete sie und verzog das Gesicht. „Verdammt, ich hatte sonst bei dem Song immer tierisch viel Spaß. Und jetzt darf ich meine Hand nicht mehr heben, wenn Beyoncé das singt.“


„Sieh das mal nicht so eng“, sagte Ole grinsend und wandte sich dann an mich. „Aber du hast gut gekocht. Schmeckt wirklich lecker.“ Das Lob war Balsam für meine geschundenen Nerven, denn das Zubereiten der Lasagne hatte mich vor einer Stunde leicht in den Wahnsinn getrieben (und mein Kopf sang laut „Hölle, Hölle, Hölle“ – eine kleine Hommage an Wolfgang Petrys Song „Wahnsinn“).


Aber jetzt war Lena in ihrem Element: „Apropos lecker! Aus meinem WG-Zimmer kann ich doch in das Haus gegenüber schauen. Und da sitzt am Fenster immer so ein leckerer Kerl an seinem PC und tippt irgendwas. Ich sage euch, der ist sowas von heiß! Freund hin oder her: Im Sommer mache ich mein Fenster auf und drehe ‚Your Body‘ von Christina Aguilera ganz laut. Mal schauen, ob er rüberkommt.“


Während Ole den Kopf schüttelte, kam ich aus dem Lachen gar nicht mehr heraus. Meine Kiefermuskulatur bekam schon Muskelkater.


Als ich mich wieder beruhigt hatte, musste ich nachhaken: „Aber ihr seid jetzt schon so richtig zusammen, oder? Keine offene Beziehung oder so?“ –„Nein, so richtig langweilig konservativ. Monogam, bis dass der Tod uns scheidet. Oder wir uns trennen. Je nachdem, was früher kommt“, antwortete mir Lena.
„Aber ist das nicht ein gutes Gefühl? Ich hätte gerne mal wieder so eine richtig langweilige Beziehung. Da weiß man, was man hat und worauf man sich einstellen kann“, sagte Ole, der nun seit knapp einem Jahr Single war.


Lena schüttelte vehement den Kopf. „Ich mag Langeweile nun mal nicht. Und eingeengt zu werden auch nicht. Von daher bin ich kein Beziehungsmensch. Aber vielleicht werde ich mit dem Alter ja auch milde und schmelze dahin, wenn er mal ‚Can You Feel the Love Tonight‘ von Elton John auflegt. Oder ich antworte auf die Frage mit ‚Nö‘ und gehe.“


Vier Stunden und einen Muskelkater im Kiefer später zogen wir weiter auf den Kiez. Und aus irgendeinem Grund hatte ich während unserer U-Bahn-Fahrt die ganze Zeit „Get the Party Started“ von Pink im Ohr.


Ein schönes (und musikalisches) Wochenende wünscht euch,
Alexander


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