Eifersucht ist die schlimmste Sucht

„Der Arsch macht sich an sie ran! Sora unternimmt nichts dagegen, und ich kann von Hamburg aus nichts tun! So eine verdammte Scheiße!“ 
Da saßen wir also: Ben, Lena und ich hörten zu, wie Ole vollkommen durchdrehte. So hatte ihn noch keiner von uns erlebt. Er war richtig von Sinnen.

Denn heute Morgen hatte er seine Freundin Sora angerufen, wie man es notgedrungen nun einmal in Fernbeziehungen tat, um etwas aus dem Leben des anderen mitzubekommen. Doch anstatt im Hintergrund den Frankfurter Verkehrslärm zu hören, war da die Stimme von einem Kerl, der Sora fragte, mit wem sie denn telefoniere.

Kurze Zeit später hatte uns Ole zu sich beordert, weil er nicht wusste, was er tun sollte.
„Sora sagt natürlich, dass das alles freundschaftlich ist. Aber guckt doch mal hier! Er postet ständig irgendwas auf ihre Pinnwand. Welcher Kerl postet einfach mal so zum Spaß und ohne Hintergedanken die Videos ,Love Hurts' von Incubus und ,Diamonds' von Rihanna auf eine Pinnwand? Keiner!“, redete sich Ole weiter in Rage.

Wir hatten gar keine Möglichkeit, irgendetwas zu sagen. „Und jetzt schaut mal hier: ‚Was ein toller Abend! Wunderbar, diese Sora <3‘ nach einem gemeinsamen Kinobesuch. Sora sollte mit mir ins Kino gehen und nicht mit so einem Wichtigtuer-BWL-Student mit Gelfrisur!“, echauffierte sich Ole weiter.
Erfreulicherweise musste auch Ole mal Luft holen, was Lena sofort ausnutzte: „Ole, jetzt komm mal runter. Was soll das eigentlich werden? Willst du uns davon überzeugen, dass Sora fremdgegangen ist? Weil genau so hört sich das gerade an.“

Plötzlich herrschte Stille, vollkommene Ruhe. Denn Lena hatte vollkommen recht: Alles das, was Ole uns bisher erzählt hatte, klang wie eine Anklage. Eine Anklage, die uns als Geschworene davon überzeugen sollte, dass Sora des Fremdgehens schuldig war – und bestraft werden musste.

Wir alle wussten, dass Ole von seiner Ex-Freundin betrogen worden war und somit schlechte Erfahrungen in puncto Vertrauen gesammelt hatte. Doch ich fragte mich: Wann wollte der Ankläger nur die Geschworenen überzeugen – und wann vor allem sich selbst?

„Glaubst du wirklich, dass Sora dir fremd gegangen ist?“, fragte ich ihn.
„Du siehst doch, was hier steht…“, platzte es aus ihm heraus.
„Das ist nicht die Antwort auf meine Frage. Glaubst du wirklich, dass die Sora, die du kennst und liebst, dich betrügt? Bist du vollkommen davon überzeugt?“
Und da war sie wieder. Diese entsetzliche Stille, in der man fast Oles hämmerndes Herz hören konnte. Sein Gesicht spiegelte die Zerrissenheit wider, die er gerade durchlebte, den Kampf, der in ihm stattfand: die Eifersucht, die ihn kränkte und lähmte, gegen den Wunsch, mit Sora glücklich zu werden und ihr vertrauen zu können. Doch es siegte die Eifersucht.

„Ja, ich bin überzeugt, dass sie mich betrügt“, sagte er mit matter Stimme. „Ich will Schluss machen.“ 
Wir, die eigentlich als Geschworene geladen worden waren, waren nun nur noch Publikum. Denn Ole hatte seine Entscheidung getroffen, ganz unabhängig von dem, was wir dachten. Vielleicht wollte er nur, dass wir ihn mental unterstützten. Vielleicht sollten wir aber doch Zeuge dessen werden, was er nun tat – er tippte eine SMS.

„Ole, was genau machst du da gerade?“, fragte Ben, der das Unheil schon kommen sah.
„Ich mache Schluss.“
„Per SMS? Hast du sie noch alle? Jetzt denk da doch noch mal zwei Minuten drüber nach und rede verdammt noch mal mit Sora! Du kannst doch jetzt nicht einfach die Beziehung wegwerfen!“, schrie Ben ihn nun an. Doch Ole schüttelte den Kopf.

„Zu spät.“ Er zeigte uns das Display seines Handys. Die Nachricht war kurz und doch unmissverständlich: Ich vertraue dir nicht mehr. Es ist vorbei.
Das war der Moment, in dem Ole weinend zusammenbrach und wir nicht mehr nur Geschworene oder Zeugen war, sondern das, was Ole jetzt wirklich brauchte: Freunde.

Ein schönes (und drama-armes) Wochenende wünscht euch

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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