Emotionale Kapitalisten

„Du glaubst gar nicht, was für einen süßen Kerl ich gestern kennen gelernt habe! Absoluter Traummann“, platzte es aus ihr heraus, inklusive der technischen Daten: 1,80 groß und Fitnessstudio-Gänger, aber nicht übermenschlich trainiert. Er war intelligent (er hatte ihr irgendwas von Goethe erzählt, zumindest hatte sie das bei der lauten Musik so verstanden) und angeblich ein extrem guter Küsser.

„Wann seht ihr euch wieder?“, fragte ich direkt im Anschluss.

„Mal schauen, ob er sich meldet.“

„Warum meldest du dich nicht?“

„Kennst du die Drei-Tage-Regel nicht? Man meldet sich drei Tage nach der ersten Begegnung nicht, sonst wirkt das aufdringlich. Außerdem soll er den ersten Schritt machen, nicht ich. Wie stehe ich denn sonst da?“

Wie er dastehen würde, wenn er den ersten Schritt machte – nämlich genau so, wie Lena es wollte – übersah sie gerade einmal freimütig. Lena war ihr Stolz wichtiger als ihr Traummann. Aber ist das gut so?

Denn die Frage ist doch: Wie viel Liebe muss man in eine Beziehung stecken, bevor es wirklich eine wird? Wie weit muss man nach dem ersten Kennenlernen auf den anderen zugehen, um sich irgendwann auch wirklich wiederzutreffen, damit nicht beide auf der Stelle kleben und sich gar nichts bewegt?

„Ich kann sowas nicht“, sagte Ole bei unserem Sonntagabend-Bier.

„Wenn ich jemanden kennenlerne, den ich umwerfend finde, dann schreibe ich auch. Wieso auch nicht? Das hat doch nichts mit Stolz zu tun. Sondern nur mit Dummheit. Was, wenn der Kerl plötzlich jemand anderen findet, bevor man sich meldet?“

Ole war emotionaler Kapitalist und ihm war klar: Wenn ein gutes Angebot auftauchte, sollte man schnell zuschlagen, bevor es wieder weg war. Und sollte man sich doch falsch entschieden haben, machte man eben vom Widerrufsrecht Gebrauch. Sowas lernte man im Zeitalter von Online-Auktionen. Ein emotionaler Zuschlags-Kapitalist eben.

Aber auch Lena war Kapitalistin, nur mit einem anderen Ansatz: Wenn das Angebot nicht zu ihr kam, war es wohl nicht das, was für sie bestimmt war. Eine emotionale Schicksals-Kapitalistin.

Auf den ersten Blick stimmte ich Ole zu: Wenn es beim ersten Treffen Funken wie an Silvester schlug – wieso warten? Nummern austauschen, am nächsten Tag kurz melden, einfach ‚Hallo‘ sagen – das war ja kein Heiratsantrag. Gut, auch ich versuchte, auf die dann hoffentlich folgende Nachricht nicht sofort zu antworten, sondern ging duschen oder machte Frühjahrsputz und meldete mich erst wieder eine Stunde später. Denn natürlich hatte Lena recht: Ein bisschen Spannung musste schon sein. Wenn man das Spiel zu offensiv spielte, konnte man es auch eher verlieren. Ließ man sich aber erst spät in die Karten gucken, konnte man noch ein bisschen schummeln. Aber nur mit Pokerface durch die Gegend zu laufen, wäre auch nichts für mich.

Drei Tage nach ihrem Anruf redete ich wieder mit Lena.

„Und, was ist mit dem Traummann passiert? Hast du zugeschlagen oder auf die Hilfe des Schicksals gewartet?“

„Er hat sich heute Morgen gemeldet. Ziemlich genau nach drei Tagen, wenn du so willst. Er war also nicht aufdringlich, aber doch interessiert. Jetzt gehen wir übermorgen was trinken.“

„Und lässt du ihn da auch zappeln?“, fragte ich zurück. Sie lächelte vielsagend. Ich konnte also davon ausgehen, dass ihr Bus Verspätung haben würde.

Ein schönes (und unaufdringliches) Wochenende wünscht,

Alexander

 

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


Mit ePaper wird die Zeitung digital: Testen Sie jetzt das ePaper Ihrer Heimatzeitung zwei Wochen kostenlos!
Link zum Thema
Copyright © mittelhessen.de 2013
Kommentare (0)
Mehr aus Alexander in der midde