Emotionaler Präventivschlag


„Phil und ich haben geredet und beschlossen, dass unsere Affäre pausieren sollte“, verkündete uns Lena. Ich hatte sie, Ben sowie Ole mit seiner Freundin Sora, die aus Frankfurt zu Besuch war, in meine vier Wände eingeladen. Wie Lena nun einmal war, platzte sie mit dieser Nachricht heraus, bevor ich den ersten Schluck Wein eingeschenkt hatte.

„Also habt ihr euch quasi getrennt?“, fragte Ole sicherheitshalber nach, aber Lena schüttelte den Kopf. „Nein, wir waren ja nie zusammen. Wir haben beschlossen, den Sex erst einmal aufs Eis zu legen und zu schauen, ob wir uns auch menschlich wieder näherkommen wollen“, erklärte Lena und Ole trug einen triumphierenden Gesichtsausdruck zur Schau, weil er genau das schon vor Wochen gefordert hatte.

„Nur damit ich das richtig verstehe: Er ist weiterhin mit seiner neuen Freundin Dörte zusammen, die von eurer ehemaligen Affäre nichts weiß. Ihr habt jetzt keinen Sex mehr, datet euch aber. Richtig?“, fragte ich nochmals nach.
„Im Grunde ja. Wenn du so willst, war es ein emotionaler Präventivschlag von mir. Ich will mich nicht nur in den Sex verlieben, sondern wenn dann auch in Phil. Aber sowas braucht Zeit. Deshalb: Kein Sex, sondern erst einmal wieder normales Kennenlernen. Sonst wird das alles nur noch komplizierter und irgendjemandem wird das Herz gebrochen.“

Wir alle nickten und labten uns zunächst schweigend an der Pizza und dem Wein. Es war ein verhältnismäßig stilles Essen, aber so hatte jeder die Möglichkeit, über Lenas Worte nachzudenken. Ohne Zweifel war diese ganze Situation mit ihr und Phil nicht einfach, aber mal ehrlich: Welche Beziehung war das schon? Aber ich fragte mich etwas ganz anderes: Können wir uns wirklich präventiv vor Herzschmerz schützen?

Klar, wer nie die Wohnung verlässt und keinen Kontakt mit anderen Menschen hat, kann sich relativ sicher sein, nie Liebeskummer erleben zu müssen. Aber immer dann, wenn man mit anderen Menschen zu tun hat, besteht die Gefahr, enttäuscht zu werden – sowohl bei Freunden, als auch in der Liebe. Wie können wir also sichergehen, nicht verletzt zu werden? Gibt es wie bei einem Computerspiel eine Tastenkombination, mit der wir einfach den Kampf abbrechen und zum Startmenü zurückkehren können, nur um dann von Neuem anzufangen?

Ich wollte gerade meine Neustart-Frage stellen, da funkte Sora dazwischen: „Und dich stört es nicht, dass er nebenbei Sex mit seiner neuen Freundin hat?“, sagte sie, der man zu Gute halten musste, dass sie Lenas Beziehungsleben nicht verstörend fand. Denn wäre ich ein Außenstehender, würde mir diese ganze Konstellation ganz schön seltsam vorkommen.
„Nein, das stört mich nicht. Ich kann ja auch Sex mit anderen Typen haben“, sagte Lena, doch so richtig überzeugt war ich nicht. Wie damals, als sie Phil und seine neue Freundin zum ersten Mal traf, war da dieses nicht ganz echt wirkende Lächeln. Ein bisschen zu übertrieben, ganz so, als wollte sie den puren Gedanken von Phil beim Sex mit Dörte weglächeln.

Für meine Beobachtung sprach auch, dass sie von diesem Moment an den Abend weitestgehend schweigend und in sich gekehrt verbrachte. Ganz so, als hätte Sora sie auf ein Problem hingewiesen, an das sie selbst noch nicht gedacht hatte.

Doch als dann plötzlich Lenas Handy summte und sie die Nachricht las, wurde sie ziemlich blass um die Nase.
„Alles OK bei dir?“, fragte ich Lena.
„Dörte weiß Bescheid, dass Phil und ich etwas miteinander hatten. Keine Ahnung wie, aber sie weiß es. Und wenn wir uns noch einmal treffen, setzt sie ihn vor die Tür.“

Lena seufzte schwer, denn diese Wendung machte die ganze Situation nicht leichter. Wobei, vielleicht doch: Denn Dörte hatte nun einen emotionalen Präventivschlag gelandet und den Neustart-Knopf gedrückt. Jetzt mussten Lena und Phil entscheiden, was sie voneinander wollten und ob sie das Spiel nun gemeinsam oder getrennt bestreiten wollten. Und diese Entscheidung war zugegebenermaßen auch schon in der Vergangenheit kein Kinderspiel gewesen.

Ein schönes (und präventives) Wochenende wünscht euch,

Alexander


Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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