Erinnerungen – Die Phantome in unserem Kopf

Die wirkliche Erinnerung aber entsteht durch die Gefühle, die wir mit dem Bild verbinden: Das Gefühl, Teil einer Masse an Fans zu sein, den Schweiß vom Tanzen wieder auf der Haut zu spüren, die dröhnenden Bässe erneut im Ohr zu haben.

Und doch ist unsere Erinnerung auch anfällig für Manipulation: Meine Eltern und Großeltern haben mir manche Geschichten von mir als Kleinkind so oft erzählt, dass es sich anfühlt, als könnte ich mich wirklich daran erinnern. Tu ich aber nicht. Meine Fantasie hat mir die Bilder einfach in den Kopf gemalt, entlang der Erzählungen meiner Eltern.

Was all das mit Lena, Ole, Ben und mir zu tun hat? Nun, wir hatten den gestrigen Abend miteinander verbracht und Ole hatte mit seinem Handy ein paar Bilder gemacht – obwohl Lena dagegen war.

„In zwei Jahren freust du dich darüber, dass ich die Bilder gemacht habe“, hatte er gemeint und Lena nur die Augen verdreht.

Na klar hatte Ole recht: In zwei Jahren die Bilder von uns zu sehen, würde Erinnerungen wecken – hoffentlich viele positive. Weil ohne die Fotos würde wahrscheinlich keiner von uns an jenen spezifischen Abend denken. Denn an und für sich war es ein gemütlicher Abend wie viele andere gewesen – aber eben ohne besondere Ereignisse, die zwingend im Kopf hängen blieben. Keiner hatte eine Affäre gebeichtet oder vom Alkohol kotzen müssen, niemand hatte zu weinen begonnen oder war in den Fernseher gefallen. Eben ein normaler Abend unter Freunden, der ohne Bilder einfach nur zu unseren allgemeinen Erinnerungen abgeheftet worden wäre.

Auch deshalb sind für mich Erinnerungen Phantome in unseren Köpfen: Manchmal unscharf und schwer zu fassen, geistern sie durch unser Oberstübchen und ploppen plötzlich auf. Egal ob gewollt oder ungewollt. Egal ob sie wirklich so passiert oder nur erfunden sind.

Doch stellt sich nicht erst in Zeiten von sozialen Netzwerken die Frage: Welche Erinnerungen wollen wir teilen? Und mit wem? Und vor allem: Warum?

Denn natürlich ist ein Abend unter Freunden weitestgehend unverfänglich, zumindest solange alle freundlich in die Kamera lächeln und keiner die Tequila-Flasche in die Kamera hält. Das kann – je nachdem, wer das Bild sieht – dann schon ins Auge gehen. Etwa bei einem abstinenten Vater oder beim Chef, der es nicht gerne hat, wenn seine Mitarbeiter unter der Woche harten Alkohol trinken.

Doch die entscheidende Frage ist für mich die letzte, eben das warum: Warum soll ich Freunden zeigen, mit wem und wie ich meine Abende verbringe?

Um sie neidisch zu machen? Um zu zeigen, dass ich ein sozialer Mensch bin? Um mir selbst vor Augen zu führen, dass ich Freunde habe? Oder eine Mischung aus all dem?

Manchmal ist es besser, sich genau diese Frage im Vorfeld zu stellen. Denn die Antwort kann verblüffend sein – weil wir oft selbst keine darauf haben.

Und doch ist es oftmals einfach schön, bestimmte Erinnerungen für sich verschlossen zu halten, abgespeichert irgendwo im Hinterkopf oder auf dem eigenen Laptop. Um sie dann in ein, zwei oder drei Tagen, Wochen oder Monaten wieder hervorkramen zu können und sich erneut von ihnen gefangen nehmen zu lassen.

Das ist dann wie mit einem guten Song: In den schönen Momenten springen wir zu ihm durch unsere Wohnung, in den hässlichen kugeln wir uns aufs Sofa und hören hingerissen zu. Wir lassen uns von dem Gefühl, der Erinnerung, beeinflussen – und navigieren.

Sie können uns beeinflussen und einen neuen Weg einschlagen lassen. Und genau deshalb sollten wir unsere Erinnerungen immer wieder hinterfragen – und mit wem wir sie teilen.

Ein schönes (und erinnerungswürdiges) Wochenende wünscht,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de/midde seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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