Es gibt kein "normal"

"Wäre er was für mich?", hatte in ihren Augen gestanden. Und da Lena derzeit so versessen auf einen neuen Kerl war, wollten wir sie etwas leiden lassen.
Zunächst aber saßen wir an Oles Küchentisch. Die Küche war bunt gestrichen, die Möbel zusammengestückelt, die Weingläser sahen alle unterschiedlich aus – typisches WG-Flair eben. Wir tranken unseren Wein und redeten über Lenas Versuche, einen "Friend with Benefits" zu finden. „Den Kumpel, den ich eigentlich im Auge hatte, kann ich vergessen. Seit vorgestern ist er vergeben. Habt ihr irgendwelche Freunde, die in Frage kommen würden?“
„Irgendwelche speziellen Wünsche?“, fragte ich.
„Single, gutaussehend, nicht auf der Suche nach etwas Festem. Und am besten gebildet.“ 
„Wofür willst du einen cleveren Kerl, wenn du sowieso nur Sex von ihm willst?“, wollte Ole wissen, und Lena sah ihn böse an.
„Ich will nicht nur Sex. Ich suche jemanden, mit dem ich Sex haben und reden kann. Aber nicht muss.“ Ole hob resignierend die Hände und schüttelte mit dem Kopf. Er verstand nicht, wieso Lena ein solches Prachtexemplar nicht ganz für sich alleine haben wollte, sondern nur ein bisschen. Doch bevor Lena sich erklären konnte, ging die Küchentür auf und ihre Augen weiteten sich sichtlich: Vor ihr stand Ben. 1,85 Meter groß, braune Haare, die verwuschelt abstanden. Jenseits seines Tanktops konnte man seine Armmuskeln bestaunen, die ich nicht einmal mit täglichen Muckibuden-Besuchen bekommen würde.
„Hallo, Leute, ich bin Ben. Ich gebe euch aber besser nicht die Hand, die ist verschwitzt. Ich komme gerade aus dem Fitnessstudio“, sagte er und ich konnte förmlich sehen, dass Lena wie ein Sorbet in der Sonne dahinschmolz. „Darf ich mich nach dem Duschen zu euch setzen?“, fragte er etwas schüchtern – jetzt hatte Lena endgültig angebissen. 
„Klar, ich halte dir den Platz neben mir frei“, sagte sie und deutete auf einen leeren Stuhl. Ben hob lächelnd die Hand zum Abschied und Lena die Stimme, kaum dass Ben durch die Tür gegangen war.
„Okay, ich habe meinen Friend with Benefits gefunden. Sag mir bitte nicht, das er vergeben ist.“ Ole und ich bekamen uns gar nicht mehr ein vor Lachen. 
„Er ist Single“, sagte Ole. Lena blickte ihn hoffnungsvoll an. „Und schwul.“
Als wäre Lenas Gehirn in den Standby-Modus gefahren, sah sie Ole ausdruckslos an. Dann schüttelte sie langsam den Kopf. Damit hatte sie nicht gerechnet. 
„Schon klar, dass diese ganzen Klischees über Schwule mit Handtaschen und so weiter meistens nicht stimmen. Aber Ben wirkt so… hetero.“ Lena musste erneut den Kopf schütteln. „Das ist der heißeste Kerl, den ich seit Wochen sehe. Und er ist schwul. Verdammt!“
Ich musste mit (und über) Lena lachen. Einerseits weil sie – warum auch immer – erzwingen wollte, einen "Friend with Benefits" zu haben. Andererseits, weil sie wegen Ben kein Trübsal blies, sondern prompt ihre bekannte Neugierde an den Tag legte.
„Hat er schon einen Kerl mit in die WG gebracht? Hatte er hier schon Sex?“, fragte Lena.
 „Nein, er hat noch etwas Liebeskummer wegen seines Ex-Freunds“, sagte Ole, und wir redeten darüber, als wäre es das Normalste der Welt. Denn: Es war das Normalste der Welt. 
Mal ehrlich: Wer konnte ein sinnvolles Argument liefern, weshalb man nicht den Menschen lieben sollte, den man wollte? All diese Pseudo-Argumente – Gott und die angebliche Unnatürlichkeit – zeugten doch nur von mangelnder Nächstenliebe und Intoleranz. Wenn es nicht natürlich war, warum zeugten dann heterosexuelle Paare ein homosexuelles Kind? 
Und wer bestimmt überhaupt, was ‚normal‘ ist und was nicht? Reicht es schon, rote Haare zu haben, um nicht mehr normal zu sein? Oder wenn man kleiner als der Durchschnitt ist? Oder, oder, oder? Aber diese Diskussionen mussten glücklicherweise in unserer Generation nur noch selten geführt werden.
Nachdem uns Ole erzählt hatte, wie versessen Ben auf teure Autos war (er träumte von einem schwarzen Porsche 911) und dass er Cher liebte (und damit wenigstens ein Klischee bediente), stieß Ben auch frisch geduscht zu uns. Natürlich offenbarte ihm Lena sofort, dass sie ihn am liebsten in ihr Bett geschleift hätte, aber das ja wohl ziemlich erfolglos enden würde.
„Vielleicht würde ich bei dir ja eine Ausnahme machen“, antwortete Ben charmant, und Lena schmolz weiter dahin. 
Als Lena und ich uns auf den Weg zur U-Bahn machten, redeten wir über Normalität. Normalität, die es nicht gab. Denn was in dieser Welt war bitte normal? Tagtäglich hören und lesen wir all die schrecklichen Dinge über Morde und Vergewaltigungen, Diskriminierungen und Ungerechtigkeiten. Ist das normal? Und da soll es falsch und nicht normal sein, einen Menschen zu lieben und zu begehren? Nur weil er dasselbe Geschlecht hat? Denn die Liebe ist doch das, was alle Menschen vereint und so etwas wie die universelle Währung ist. Egal, um welche Hautfarbe, welches Geschlecht oder was auch immer es geht. 
Ein schönes (und aufgeschlossenes) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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