Gegensätze ziehen sich aus

„Ein bisschen. Es ist komisch, dass sie jetzt plötzlich weg ist und wir uns erst in zwei Wochen wiedersehen.“ Ole sprach von Sora, seiner Freundin, die heute mit dem Zug Richtung Frankfurt am Main aufgebrochen war. Dort würde sie ab dem nächsten Semester studieren – und nun mit Ole eine Fernbeziehung führen. Und das, obwohl sie sich erst einen guten Monat kannten.

„Kann sie denn mittlerweile mit dem Computer umgehen oder hält sie PDF-Dateien immer noch für Viren?“, fragte ich, denn dank Soras technischem Unvermögen hatten sich die beiden überhaupt erst kennengelernt.
„Sie hat jetzt Facebook und Skype. Ob sie damit klarkommt, werden wir sehen. Wenn nicht, müssen wir halt oft telefonieren. Ich will ja wissen, was sie so macht“, sagte Ole, und in seiner Stimme schwang etwas Angst mit. 
„Bist du denn eifersüchtig?“, fragte ich Ole. Gerade in einer Fernbeziehung musste man seinem Partner schier grenzenlos vertrauen können. Und wenn man dann hinter jedem Kumpel in der neuen Stadt gleich eine mögliche Affäre vermutete, konnte das für eine Beziehung tödlich sein.

„Geht so. Ich weiß nicht, ob ich dank des Fremdgehens meiner Ex-Freundin jetzt eifersüchtiger bin oder nicht.“ Ich konnte sehen, wie es in Oles Kopf ratterte und er sich wegen meiner Frage den Kopf zerbrach. Das hatte ich nicht gewollt und war froh, als Lena sich wieder einmischte.
„Du und Sora, ihr seid auf jeden Fall ein sehr süßes Paar. Und so unterschiedlich. Du hast Ahnung von Technik, sie nicht. Du hast eine Standardfrisur, sie was Ausgefallenes mit dem Bob und dem rosafarbenen Strähnchen“, sagte Lena.

„Ist es gut, wenn zwei gegensätzliche Menschen eine Beziehung eingehen?“, fragte Ole.
„Total! Das war mein Problem mit Phil. Wir beide waren Sturköpfe und auf Dauer hätte das unmöglich halten können, wenn keiner nachgibt. Und er konnte nicht vernünftig kommunizieren, das kam noch dazu.“ Ich wollte etwas erwidern, doch Lena schnitt mir das Wort ab.
„Außerdem bringt die Gegensätzlichkeit auch die Chance zum Streit. Und auf Streit folgt Versöhnungssex. Deshalb ist meine Arbeitshyopthese: Gegensätze ziehen sich nicht nur an, sondern auch aus.“

Ole sah Lena für einen Moment schweigend an, dann sagte er: „Auch ohne Streit haben wir guten Sex.“
Lena zuckte mit den Schultern. „Siehst du? Arbeitshypothese bestätigt.“
Während ich lachen musste, merkte ich, wie Ole gar nicht zum Lachen zu Mute war. Sein Oberkörper war nach vorne gefallen, seine Augen traurig und seine Gedanken ganz woanders.

Natürlich machte er sich Sorgen, ob seine noch junge Beziehung die Distanz überleben würde. Spontane Treffen entfielen, alles musste über Wochen oder Monate hinweg geplant werden, wollte man halbwegs günstig durch Deutschland reisen. Und die Sehnsucht, die die beiden quälen würde – immer und immer wieder. An den lauen Sommerabenden, wenn man mit seinem Partner gerne bei einem Bier auf dem Balkon sitzen würde; an den kalten Winterabenden, wenn man sich gerne an ihn kuscheln würde – all das ging nicht einfach mal schnell. Höchstens virtuell. Aber kein virtueller Kuss war nur halb so schön wie ein echter – vorausgesetzt, der Partner konnte küssen.

Und da lag eben die potenzielle Gefahr, dass sich der Partner einen räumlich näheren Küsser zulegte. Das konnten weder Lena noch ich kleinreden. Da konnten Ole und Sora noch so gegensätzlich sein.
„Und wenn es nicht klappt? Wenn ich sie zu sehr vermisse und die Sehnsucht nicht ertrage? Wenn sie mir fremdgeht? Wenn sie sich entliebt?“, fragte Ole, und ich konnte die Tränen sehen, die wieder in seinen Augen aufstiegen.
In solchen Momenten gab es – trotz des besseren Wissens, dass ich mir da unmöglich sicher sein konnte – nur eine mögliche Antwort: „Ihr bekommt das schon hin, Ole, da bin ich mir sicher.“ Dann nahm ich ihn in den Arm und hoffte, dass ich recht hatte.


Ein schönes (und vertrauensvolles) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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