Liebe - der Diamant unter den Gefühlen

„Nein, natürlich nicht. Vielleicht würdet ihr euch sogar auf die Nerven gehen, wenn ihr plötzlich ständig aufeinander hängt“, meinte Lena und betrachtete ein rotes Neck-Holder-Top, hängte es dann aber doch wieder zurück in den Kleiderständer.

„Weißt du, Ole, du musst dir Gefühle als Steine vorstellen: Der Hass ist ein nerviger Kieselstein, den jeder mit Füßen tritt. Die Freundschaft ist ein funkelnder Smaragd, den man oft polieren sollte. Und die Liebe ist ein Diamant. Ist der Druck zu hoch, geht er ganz leicht kaputt. So ist das auch mit der Liebe“, philosophierte ich. Währenddessen griff Lena doch wieder nach dem roten Top und hängte es sich über den Arm.

„Wollt ihr damit sagen, dass Sora mich nicht liebt?“, fragte Ole entrüstet.

„Nein. Ihr sollt eure nächsten Beziehungsschritte nur absprechen. Wenn du sie überfällst – also der Druck zu hoch ist – kannst du ganz schnell alles kaputt machen“, erklärte Ben. Lena und ich nickten.

„Sag mal, Lena, wie viele Pullis, Hosen und Tops willst du eigentlich noch mit in die Umkleidekabine nehmen? Das sind doch bestimmt schon zehn Teile!“, warf ich ein, um mal wieder von Oles Liebeswirrwarr wegzukommen.

„Ich habe eben keine Lust, mehrmals zu laufen. Und ich muss die Sachen auch untereinander vergleichen, sonst kann ich nicht einschätzen, wofür ich wirklich mein Geld ausgeben sollte“, sagte Lena und verschwand auch prompt in der Umkleidekabine.

Ole, Ben und ich saßen auf den Männerschemeln davor und warteten. Und wie immer wenn ich wartete, dachte ich nach. Vielleicht hatte Lena ja recht: Man musste Dinge untereinander vergleichen, um sich ein Urteil bilden zu können. Würden wir keine Smaragde und Diamanten kennen, fänden wir Kieselsteine vielleicht am hübschesten. Kurzum: Solange wir nicht das gesamte Spektrum der Möglichkeiten kennen, ist unser Urteilsvermögen immer eingeschränkt. Ohne Regen würden wir den Sonnenschein nicht so genießen. Und ohne Liebeskummer nicht die Liebe.

Diese Überlegung war hart, aber ich hoffte, dass sie Ole weiterhalf. Also erzählte ich ihm davon.

„Nein, Alex, das hilft mir nicht. Weil ich weiß ja, wie schön Sonnenschein ist. Den habe ich aber nur einmal im Monat, und dann auch nur für ein paar Tage. Die sonstige Zeit regnet es einfach nur. Und ich vermisse den Sonnenschein mehr und mehr.“

„Sind wir für dich kein Sonnenschein?“, rief Lena aus der Umkleidekabine.

„Ihr seid ein anderer Sonnenschein. Ihr seid eher… hm… das Solarium. Ihr helft mir schon, aber eben nicht so wie die richtige Sonne.“

„Erhöhen wir dann auch dein Risiko auf Hautkrebs?“, fragte Ben. Nun konnte sich Ole das Grinsen nicht verkneifen.

Ole wollte gerade antworten, da stolzierte Lena aus der Umkleidekabine. Sie trug das weit ausgeschnittene rote Neck-Holder-Top, die schlichteren Tops lagen achtlos auf dem Boden.

„Ich würde behaupten, hiermit geht die Sonne auf“, sagte sie. Und tatsächlich: Lena sah grandios aus. Aber wann war das einmal nicht der Fall?

Lena betrachtete sich selbst im Spiegel und nickte zufrieden. „Fakt ist doch: Wir alle müssen selbst dafür sorgen, dass wir Sonnenschein im Leben haben. Ob der jetzt durch Menschen oder schöne Neck-Holder-Tops kommt, ist letztlich egal. Hauptsache, wir sind glücklich.“

Ein schönes (und erkenntnisreiches) Wochenende wünscht,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de/midde seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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