Nackte Angst. Und Zombies.

Denn heutzutage ist das Handy schlauer als man selbst, es kann komplizierteste (und einfachste) Rechenaufgaben lösen, ins Internet verbinden und natürlich Bilder machen. Übrigens konnte es das noch nicht immer, mein erstes Handy war noch so ein alter Knochen, der etwa zehn SMSen speichern konnte und blaue Flecken verursachte, wenn er jemandem auf den Fuß fiel. Aber das ist eine andere Geschichte. Mir passierte es aber letztens wirklich, dass ich mein Smartphone zu Hause liegen ließ und bereits einige Meter in Hamburgs klirrender Kälte gelaufen war, bevor meine linke Hand routiniert zur Hosentasche schoss – und ins Leere griff. Kein mobiles Multimediacenter, mit dem ich auf dem Weg zur U-Bahn noch einmal schnell meine E-Mails checken konnte (was ich zwar zehn Minuten zuvor das letzte Mal getan hatte, aber es konnte ja schon wieder etwas Neues geben).

Tja, da stand ich nun: Alleine in der Welt, ohne mein Smartphone. Ich überlegte kurz, wieder zurück zu meiner Wohnung zu gehen und es zu holen. Aber keine Zeit, ich musste los. Über zwei Stunden würde mein Smartphone also alleine zu Hause liegen – und ich hatte vorher niemandem Bescheid gesagt. Würde Lena mir simsen und mir mal wieder erzählen, wie toll Phil, ihr 3-Tage-Wartenlassen- Kerl, war, ging sie davon aus, dass ich ihr innerhalb der nächsten Stunde antwortete. Länger dauerten wichtige Gespräche, Funklöcher oder Toilettengänge gewöhnlich nicht. Alles darüber Hinausgehende würde sie in erhöhte Alarmbereitschaft versetzen und nach zwei Stunden würde sie die Polizei anrufen und eine Vermisstenanzeige aufgeben – zuzutrauen wäre es ihr.


Aber eigentlich ist es doch kurios: Man hat ein Smartphone und wartet förmlich darauf, dass es sich meldet. Man will wichtig sein. Will angerufen, angesimst, angemailt, angewhatsappt werden. Wenn es das dann aber tut, hat man meistens schon etwas anderes zu tun und muss sich kurz fassen. Das Leben ruft ja und man will nicht die ganze Zeit nur mit diesem Wunderding zubringen. 
„Wenn ich meine Ruhe haben will, mache ich mein Handy einfach aus“, sagte Ole, als ich ihm abends bei einem Bier von meiner Nackt-Erfahrung erzählte. 
„Die ganze Nacht?“, fragte ich irritiert zurück, denn ich ließ mein Handy nachts an. Falls ein Kumpel gerade auf offener Straße von Zombies angegriffen wurde und Hilfe brauchte. Oder die Zombies plötzlich in meinem Zimmer standen und ich Hilfe brauchte.


„Logo. Wenn ich schlafe, telefoniere ich doch sowieso nicht. Dann wecken mich nur Leute, die betrunken auf ihrem Handy rumtippen. Oder mit dem Arsch anrufen.“


Oh ja, Butt-Calls. Das Phänomen war simpel: Das Handy machte sich in der Hosentasche – vornehmlich Gesäßtasche – beim Setzen selbstständig und wählte ausversehen. Etwas, das anscheinend besonders oft nachts passierte.
„Warum lässt du es denn nachts an?“ Ich erzählte Ole von den Zombies. Er nippte an seinem Bier und lächelte. „Vielleicht solltest du einfach der Wahrheit ins Auge sehen: Du hast Angst etwas zu verpassen. Ne Mail oder SMS. Wie ich dich kenne, wachst du doch nachts von SMSen auf, liest sie und antwortest darauf.“ Ich nickte.


„Schlaf mal ’ne Nacht drüber. Mit ausgeschaltetem Handy. Und du wirst sehen: Es geht. Und kein Zombie frisst dich.“ Und tatsächlich hatte ich es heute Nacht einmal ausprobiert: Handy aus, noch bevor ich mein Buch zur Einschlaf-Lektüre geöffnet hatte. Und siehe da – am nächsten Morgen keine SMSen oder Anrufe in Abwesenheit. Vielleicht hatten meine Freunde nachts auch anderes zu tun, als mich anzurufen. Oder hielten ihren Arsch mal im Zaum. Jetzt musste ich nur noch hoffen, dass sich auch die Zombies an die Spielregeln hielten.


Ein schönes (und zombiefreies) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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