Richtig oder Falsch?

An manchen Tagen saß sie mit hängendem Kopf in der Uni neben mir, weil sie glaubte, mit der Trennung von Phil einen großen Fehler begangen zu haben. „Er war doch so ein guter Kerl“, sagte sie dann. An anderen Tagen hingegen war sie ganz die Strahle-Frau, offen für neue Männer und froh über ihre Freiheiten als Single.

Am Nachmittag hatten Ole, Lena und ich uns in der "Campus Suite", einem Café direkt gegenüber der Uni, verabredet und süffelten unsere Frappés. In Hamburg hatte der Sommer endlich Einzug gehalten, die Sonne stand hoch am Himmel und ein laues Lüftchen sorgte für angenehme Abkühlung – doch Lena hatte mal wieder einen Falsch-gemacht-Tag.

„Ich vermisse Phil. Er hat mich vorgestern noch einmal angerufen, ich habe aber nicht abgehoben. Es hat mir fast das Herz gebrochen. Ich glaube, die Trennung war ein Fehler“, gestand sie uns und sah aus wie ein verlorenes Katzenbaby. Ich konnte Ole ansehen, dass er ihr am liebsten über den Kopf gestreichelt hätte. 
„Es gibt nicht immer nur eindeutig richtige oder falsche Entscheidungen im Leben. Schau mal, mir hat gestern eine Kassiererin zehn Cent zu viel Wechselgeld gegeben. Ist es richtig, ihr das Geld zurückzugeben?“
„Ja“, sagte ich. „So ein Wechselgeld-Fehler kann doch schnell passieren. Wir sind alle nur Menschen. Ich hätte es nicht eingesteckt.“
„Quatsch!“, sagte Lena. „Die Kassiererin ist doch selbst dran schuld. Soll sie doch aufpassen. Ich hätte das Geld eingesteckt und in mein Sparschwein geworfen.“
Ole nickte zufrieden, denn genau das war der Punkt, den er Lena erklären wollte: „Manchmal gibt es eben keine eindeutige Antwort. Alex hat die moralisch korrekte Antwort gegeben, aber ich wette, die meisten würden es so sehen wie du, Lena. Und genauso hattest du deine Gründe, Phil zu verlassen. Ob es die Richtigen waren, liegt im Auge des Betrachters.“
„Und was hast du mit dem Wechselgeld gemacht?“, fragte Lena.
„Ich habe es zurückgegeben“, antwortete Ole, und Lena verdrehte die Augen.
„Aber was ist, wenn Phil doch mein Prinz in Frosch-Gestalt gewesen ist? Vielleicht hätte ich ihn nur öfter küssen müssen.“
„Oder aber, er war einfach ein Frosch und du hast ihn zu Recht wieder in seinen Single-Teich geworfen“, antwortete ich süffisant.
„Und was davon stimmt jetzt? War es die richtige oder falsche Entscheidung, mit ihm Schluss zu machen?“
„Das kannst nur du alleine wissen. Aber das Wichtigste ist: In dem Moment, in dem du dich entschieden hast, war es die richtige“, sagte Ole, und ich nickte zustimmend.

Als ich nach unserem Treffen mit dem Bus nach Hause fuhr, dachte ich über das nach, was Ole gesagt hatte. Vielleicht stimmte es, und es gab wirklich nicht immer nur die Kategorien Richtig oder Falsch. Vielleicht lag die Bewertung wirklich im Auge des Betrachters, aber viel mehr noch im Auge des Entscheiders. Denn schlussendlich hatte Lena – die sicherlich nicht leichtfertig Schluss machte – die Pros und Contras abgewogen und eine Entscheidung gefällt. Somit war es aus ihrer Sicht zumindest für den Moment die Richtige gewesen. Ob sie das auch noch in fünf Jahren sein würde, konnte keiner von uns wissen. Vielleicht war Phil wirklich ihr Prinz, vielleicht aber auch nur ein Frosch. Aber was für Lena galt, galt für uns alle: Mit dieser Unsicherheit mussten wir leben. Doch das schöne im Leben war, dass man aus Fehlern lernen konnte.

Ein schönes (und entscheidungsfreudiges) Wochenende wünscht euch

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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