Schlusspunkte

Was passiert war, lässt sich recht kurz zusammenfassen: Nichts. Und genau das machte Lena so wütend. Denn es war nun fast drei Monate her, dass sie ihrem Ex Phil inklusive seiner neuen Freundin Dörte begegnet war. Alte Anziehungskräfte hatten sich ihren Weg gebahnt und Phil mit Lena ins Bett gezogen. Und dann hatte Dörte von der Affäre erfahren und Phil wiederum – metaphorisch – den Schwanz eingezogen, weil er sich einfach nicht mehr bei Lena gemeldet hatte. Das war nun mehr als einen Monat her.

Ein Monat, in dem Lena immer wieder versucht hatte ihn zu erreichen – vergeblich. Und jetzt reichte es ihr: Sie wollte ihm nicht mehr hinterherlaufen, wenn er kein Interesse hatte. Zumindest theoretisch.

„Dann schreib ihm doch einfach, dass es dir reicht“, schlug Ole vor, aber ich konnte in Lenas Gesicht den Zweifel erkennen. Denn auch wenn ihr Kopf sagte, dass sie ihm nicht mehr hinterherlaufen wollte, gab es da noch ihr Herz. Und das wollte nicht so einfach Nein sagen.

„Ich weiß halt einfach nicht, wieso er sich so verhält. Er hätte doch wenigstens den Anstand haben können, mir zu schreiben: ‚Ich habe keinen Bock mehr auf dich‘. Aber gar nichts zu schreiben…“, wand sich Lena in ihren eigenen Gedanken.

Uns allen war klar, dass Lenas Kopf seine Entscheidung längst getroffen hatte und die fiel zu Ungunsten von Phil aus. Aber wie konnte sie ihm und vor allem sich selbst das klar machen? Denn so rational ihre Entscheidung war, so schwierig war sie umzusetzen, wenn ihr Herz noch für ihn schlug.

Ole, Ben und ich waren bei diesem Kampf zwischen Kopf und Herz ziemlich machtlos: Da konnten wir noch so viel leckeres Eis mit ihr in der Schanze essen oder ihr gut zureden. Denn letztlich war es ihre Entscheidung und sie selbst musste für sich wissen, wann es ihr wirklich reichte.

„Lena, als ich dich kennen gelernt habe, habe ich gedacht: Mensch, das ist eine starke Frau. Unabhängig, eigensinnig, nimmt sich was sie will. Und es tut mir leid, das jetzt sagen zu müssen, aber: Du sitzt da wie ein Häufchen Elend und lässt dich wegen eines Typs so hängen. Ich erkenne dich kaum wieder“, sagte Ben und schüttelte den Kopf.

Letztendlich sprach er etwas aus, was auch Ole und ich uns dachten. Aber seine ausgesprochenen Worte schienen Lena aus ihrem Gefühlswirrwarr und emotionalen Dämmerzustand zu wecken.

„Du hast vollkommen recht, Ben! Seit wann lasse ich mir auf der Nase rumtanzen?! Es reicht, ich habe darauf keine Lust mehr“, sagte Lena und ihre Haare wippten, als sie vor Wut auf den Tisch schlug. „Ich werde Phil nicht mehr hinterherlaufen, ich bin doch kein Hund! Sondern eine unabhängige, ziemlich heiße Frau in der Blüte ihres Lebens!“

Da war die Lena, die wir kannten und mochten. Die Lena, die einen Schlusspunkt setzte, wenn es nötig war. Und die sich nicht auf der Nase herumtanzen ließ.

Sie griff nach ihrem Handy und für einen Moment dachte ich, sie hätte ihre Meinung erneut geändert. Denn ich konnte sehr gut erkennen, dass sie Phil anrief, der erneut nicht dranging, stattdessen aber seine Mailbox.

„Hallo Phil, ich bin’s, Lena. Falls du das noch nicht an meiner Stimme erkannt hast, was gut sein könnte, weil wir in den letzten Wochen eher wenig Kontakt hatten. Machen wir es kurz: Es reicht. Viel Erfolg mit Dörte, aber ich suche mir jemand in meiner Kragenweite. Tschüss!“

Zugegeben, ein wenig melodramatisch war ihre Aktion schon. Aber sie war, was Lena brauchte: Ein Schlusspunkt. Mit diesem Anruf hatte sie für sich selbst ein Ende ihres Hin und Hers gesetzt, mit freundlicher Unterstützung von Ben. Denn letztlich sind Freunde in solchen Situationen nicht vollkommen machtlos: Auch wenn sie keine Entscheidungen übernehmen können und sollen, können und sollen sie doch als Unterstützung da sein. Und ein paar gute Worte im richtigen Moment sind genau das, was manchmal notwendig ist.

Ein schönes (und entscheidungsfreundiges) Wochenende wünscht euch,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf mittelhessen.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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