Starke Schwächen

Ja, sie hat Gefühle für ihn, nach wie vor, wahrscheinlich immer gehabt, auch wenn sie es nicht zugeben wollte. Eine Trennung und eine Affäre mit ihm später steht sie vor der Frage: Was nun? Denn Phils neue Freundin weiß Bescheid und will, dass die beiden sich nicht mehr sehen – und dass Lena das nicht so einfach hinnimmt, erklärt sich von selbst.

„Er reagiert auf nichts mehr! Keine Anrufe, keine Facebook-, WhatsApp-, Threema- oder Sonstwas-Nachricht. Nichts! Seit zwei Wochen, seit er mir geschrieben hat, dass Dörte Bescheid weiß, ist Funkstille“, fluchte Lena, während wir auf dem Weg zur Reeperbahn waren. Eigentlich wollten Ben, Ole, Lena und ich heute Abend feiern gehen, aber seit wir uns getroffen hatten, ging es nur um Phil. In allen Variationen, mal mit derben, mal mit beleidigenden Schimpfwörtern.

Bisher hatten Ole, Ben und ich uns für höfliches Nicken und Zustimmen entschieden, aber jetzt wurde es zumindest Ben zu blöd: „Ganz ehrlich, Lena: Wenn du ihn willst, sag ihm das verdammt noch mal! Seit Wochen geht es nur um Phil, nichts anderes. Du brauchst uns nicht zu erzählen, dass du keine Gefühle für ihn hast oder es nicht weißt. Wir sind deine Freunde, zu uns kannst du ehrlich sein, verdammt!“

Das hatte gesessen. Abrupt blieb Lena stehen und sah Ben ausdruckslos an. Plötzlich begann ihre Gesichtsmuskulatur zu zittern, ihre Augen verengten sich, die Stirn legte sich in Falten und ihre Augen schwammen in Tränen. „Sollen wir uns vielleicht mal irgendwo hinsetzen?“, fragte ich und bugsierte uns auch schon in irgendeine Bar, in der ich davor noch nie gewesen war. Zielsicher ließen wir uns auf die Stühle an einem kleinen Tisch fallen, was auch Lenas Augen wieder entwässerte und die Tränen zurückdrängte. Unsere Blicke lagen auf ihr, während sie die Tischplatte anstarrte und mehrmals tief einatmete.

„Natürlich habe ich Gefühle für ihn. Jetzt mehr denn je. Letztes Jahr hat es einfach nicht gepasst, aber mittlerweile ist er wirklich reifer geworden, rücksichtsvoller, kann auch ohne Handy kommunizieren. Aber jetzt… jetzt steht diese blöde Kuh zwischen uns und ich weiß nicht, was ich machen soll.“ Mit diesen Worten hatte Lena eine ihrer großen Schwächen überwunden: Sie stand zu ihren Gefühlen. Während sie sonst immer nur zu ihrem großen Mundwerk und ihrer Meinung stand, konnte sie jetzt auch über ihre Gefühle reden und uns hinter die Fassade blicken lassen. Das war ein großer Freundschaftsbeweis.

„Lena, du hast zwei Möglichkeiten: Entweder lässt du ihn in Ruhe und meldest dich nicht bei ihm, so wie er es auch macht. Oder du kämpfst um ihn und setzt Himmel und Hölle in Bewegung, um wieder mit ihm zusammenzukommen. Beide Varianten sind nachvollziehbar, aber sie hängen davon ab, wie sehr du Phil willst. Und das kannst nur du wissen“, sagte Ole, der sich mal wieder als die gute und weise Seele unserer Runde entpuppte. Und obwohl er in solchen Momenten den Durchblick hatte, hatte doch auch er mit Schwächen zu kämpfen – etwa seiner Eifersucht, die ihn Anfang des Jahres fast die Beziehung mit Sora gekostet hätte.

„Also mache ich mich entweder zum Vollhorst und laufe ihm nach oder mime die coole Socke, der alles egal ist“, fasste Lena ihre Möglichkeiten nochmal zusammen, doch Ben musste widersprechen. „Nein, du läufst ihm nicht nach. Sondern du sorgst dafür, dass du mit dir im Reinen bist. Wenn du ihn wirklich willst und es jetzt nicht probierst, wirst du es dir vielleicht dein Leben lang vorhalten. Hier geht es nicht um Coolness, sondern darum, mit deinem Leben zufrieden und glücklich zu sein“, sagte Ben, der wusste, wovon er sprach: Denn sicherlich war ihm sein Outing nicht leichtgefallen, aber es war für ihn nötig gewesen, um ein glückliches und erfülltes Leben führen zu können. Und daraus ist er gestärkt hervorgegangen.

Denn das, was andere für Schwächen halten, kann man sehr gut selbst in Stärken ummünzen: Soras und Oles Beziehung war seit seinem Eifersuchtsanfall stärker denn je, weil diese Sache jetzt aus der Welt war, sie darüber geredet hatten und Ole seine Ängste besser kontrollieren konnte. Und selbst ich, der die Milch immer wieder zum Überkochen bringt, kann daraus eine kleine Stärke machen: Eine lustige Anekdote, eine kleine Geschichte, die andere erfreut. Doch nun war es an Lena, Gewinn aus der Umwandlung einer Schwäche in eine Stärke zu schlagen – in dem sie um Phil kämpfte oder das Kapitel für sich abhakte.
„Und, was wirst du tun?“, fragte ich sie. Ein kurzes Lächeln huschte über Lenas Gesicht, als sie antwortete:
„Was wohl, kämpfen! Aber erst ab morgen. Jetzt gehen wir feiern.“

Ein schönes (und starkes) Wochenende wünscht euch,

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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