Stille Nacht, stressige Nacht

„Moment, ich habe noch ein Blech im Ofen“, sagte Ole, und das kleine Glöckchen der rot-weißen Mütze auf seinem Kopf bimmelte munter zu seinen Kopfbewegungen. Er zog sich seine Topfhandschuhe über und holte die letzte Fuhre Kokosmakronen heraus. Kaum lagen die Kokosmakronen bei den anderen Plätzchen, zauberte Ole noch drei weitere rot-weiße Mützen hervor und strahlte uns an.

„Kommt, setzt die Mützen auf. Dann können wir mit unserem kleinen Weihnachtsumtrunk beginnen“, sagte er. Ben griff widerwillig nach einer der Mützen und verdrehte genervt die Augen. Und auch ich setzte meine Weihnachtsmütze nur Ole zuliebe auf. Doch wenn Lena keine Lust auf etwas hatte, machte sie keinen Hehl daraus – und weigerte sich, die Mütze aufzuziehen.

„Können wir diesen ganzen übertriebenen Weihnachtskram bitte lassen? Ich habe keine Lust auf komische Mützen und seltsame Lieder über stille und heilige Nächte“, sagte Lena.
Ole, der von Kopf bis Fuß mit dem Geist der Weihnacht beseelt war, fiel die Kinnlade herunter. 
„Wieso? Es gibt doch kein schöneres Fest als Weihnachten! Alles ist so schön festlich, jeder ist nett und es gibt Geschenke!“, sagte er.
„Aber warum müssen wir ausgerechnet zwischen dem 24. und 26. Dezember nett zueinander sein und uns sinnlose Sachen schenken?“, fragte ich laut.

Denn zugegeben: Ich mag Geschenke. Wenn mir Leute etwas Sinnvolles und Nützliches schenken, freue ich mich immer. Aber auch ich bin Weihnachtsskeptiker und frage mich: Warum muss der ganze Geschenke-Nettigkeits-Trubel ausgerechnet an Weihnachten sein? Klar, das beruft sich alles auf dieses uralte Buch, aber da steht noch ziemlich viel anderer Kram drin, den heute keiner mehr interessiert – oder würdet ihr jemanden töten, nur weil er am Ruhetag arbeitet oder euch verbieten lassen, die Barthaare zu schneiden? Eben. Steht aber alles in der Bibel (schaut einfach mal hier: Exodus 35:2 und Lev. 19:27).

Nun finden aber viele Menschen Weihnachten cool, vor allem die, die Socken, Geschenkgutscheine oder Tannenbäume verkaufen – die wird man in diesen Tagen super los. Aber mit seinem festlichen Ursprung hat Weihnachten mittlerweile nichts mehr zu tun, es hat sich vielmehr zum kapitalistischen Feuerwerk gemausert, dem Ole so richtig auf den Leim gegangen war.

„Weihnachten ist eben Tradition“, sagte Ole trotzig und schenkte sich einen Glühwein ein – uns ignorierte er. Lena, Ben und ich setzten uns zu ihm an den Küchentisch und versuchten, ihn zu beruhigen.
„Ole, es ist wirklich nett, dass du uns beschenken willst und nett zu uns bist. Aber du bist eigentlich immer ein netter Kerl, da musst du dich doch nicht an Weihnachten so extrem mit den Geschenken, Plätzchen und was auch immer stressen“, versuchte ich ihn zu beruhigen.
„Aber für mich ist das kein Stress, sondern einfach… Spaß. Ich finde es schön, wenn wir zusammensitzen, eine festliche Stimmung ist und wir glücklich sind“, antwortete Ole.

„Genau das versucht Alex dir doch klar zu machen: Wir freuen uns alle immer, wenn wir zusammensitzen und Spaß haben. Aber das brauchen wir doch nicht an irgendwelche Tage zu koppeln“, erklärte Ben diplomatisch.
Ole sah uns drei der Reihe nach an. Es musste schwer für ihn sein, dass wir solche Weihnachtsmuffel waren und uns nicht mit ihm unter den – zugegeben ziemlich kleinen – Tannenbaum setzen und Lieder singen wollten. Einen Moment lang herrschte Stille, bevor Ole weiterredete.

„Wisst ihr, es ist für mich total schwer, dass ich Weihnachten nicht mit Sora feiere, weil sie mit ihrer Familie feiern möchte. Und dabei sehe ich sie dank unserer Fernbeziehung sowieso so selten. Aber ihr… ihr seid sowas wie meine Ersatzfamilie. Dann möchte ich wenigstens mit euch zusammen sein, wenn ich schon meine eigene Freundin nicht dabei haben kann.“
Lena, Ben und ich sahen Ole einen Moment sprachlos an. Das war wohl das netteste, das jemand in ziemlich langer Zeit zu uns gesagt hatte. Ihm ging es nicht um dieses ganze Brimborium, das die Menschen mittlerweile um Weihnachten veranstalteten. Sondern um den puren Kern: zu feiern, dass es Menschen gibt, die einen wirklich mögen.

Das sah auch Lena so, denn sie griff nach der Weihnachtsmütze und zog sie auf. 
„Ich trage dieses Ding unter drei Bedingungen: Es werden keine Bilder gemacht, niemand erfährt davon und wir hören keine Weihnachtslieder. OK?“
Ole nickte und strahlte über beide Ohren – und freute sich, dass der Geist der Weihnacht zumindest ein bisschen auf uns übergeschwappt war.

Ein schönes (und stressfreies) Weihnachtsfest wünscht euch

Alexander


Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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