Temporäre Zweisamkeit


„Da ist doch nichts dabei. Wir sind uns auf der Tanzfläche näher gekommen, haben rumgeknutscht und sind dann zu mir gegangen.“ Ole und ich waren gestern Abend anderweitig verplant gewesen, deshalb hatten wir Lenas Anbandeln nicht live miterlebt. 
„Und ihr habt gedacht: Mensch, wir haben Bock auf Sex – los geht‘s?“, fragte Ole und man konnte den Missmut in seiner Stimme hören. Das klang gar nicht gut. Ich hielt lieber die Klappe und schleckte weiter mein Eis.
„Im Endeffekt schon, ja“, antwortete Lena. „Er war ganz nett, so ein typischer Schanzen-Typ mit Tattoos und Piercings. Für eine Nacht okay, aber länger dann doch nicht.“
„Und wie heißt er?“, fragte Ole, doch Lena zuckte erneut mit den Schultern.
„Keine Ahnung, wie er heißt. Wir hatten Sex, ich will ihn nicht heiraten.“
Darauf fand Ole auf die Schnelle keine Antwort – er war sichtlich verstimmt. Sex mit einem Menschen haben, dessen Namen man nicht einmal kannte? Das war für ihn schwer verdaulich. Nicht, dass Ole sonderlich konservativ wäre und die Frauenbewegung mit ihren Errungenschaften – darunter das Wahlrecht und das Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper – als Fehler betrachten würde. Ihm schien es eher um eine generelle Frage zu gehen: Durfte man Sex nur des Sex‘ wegen haben?
Lena erzählte weiter, wie unglaublich (und sexreich) die Nacht mit dem Tattoo-Typ gewesen sei. Sie schilderte die Akte so detailgetreu, dass es Ole die Schamesröte ins Gesicht trieb. Als wir wieder die überdimensionale U-Bahn-Station Überseequartier erreicht hatten, war Lena am Höhepunkt angekommen.
„Ich musste ihn heute Morgen nicht einmal aus dem Bett schmeißen. Als ich aufgewacht bin, habe ich ihm gegen die Beine getreten, bis er aufgestanden ist. Er hat sich angezogen und ist abgehauen. Alles perfekt gelaufen.“ Wir setzten uns auf eine der Bänke in der unterirdischen Haltestelle, die Wände schimmerten blau wie das Meer.
„Ich versteh dich nicht, Lena. Wieso bist du so stolz auf einen One Night Stand mit irgendeinem versifften Kerl, dessen Name du nicht mal kennst?“, fragte Ole in ungeahnter Deutlichkeit.
„Weil das genau das ist, was ich wollte: Sex. Mehr nicht. Und warum machst du jetzt so einen Aufstand? Hast du ein Problem damit?“ 
Ich blickte nach links und sah Ole heftig mit dem Kopf schütteln, während Lenas Oberkörper sich anspannte, als wolle sie Oles Antwort gleich entgegenspringen und sie in der Luft zu Boden ringen. War es hier in der U-Bahn so kalt, lag es an meinem Eis oder zogen zwischen den beiden gerade frostige Zeiten auf?
„Ich finde, du verkaufst dich unter Wert. Ich würde niemals Sex mit einer Frau haben, deren Name ich nicht mal kenne“, platzte es aus Ole heraus. 
„Dann hättest du aber wenigstens mal Sex“, sagte Lena und schlug Ole damit kräftig unter die Gürtellinie. Wir wussten, dass Ole nicht unbedingt ein Frauenheld war. Aber erstaunlicherweise schien Ole der Kommentar nicht weiter zu tangieren.
 „Ich verstehe es einfach nicht. Du bist doch keine billige Schlampe“, platzte es aus ihm heraus.
„Ich entscheide noch immer selbst, mit wem ich ins Bett gehe“, antwortete Lena frostig und ich war heilfroh, als die Bahn endlich kam. Doch auch darin lag die Stimmung unter dem Gefrierpunkt – die beiden schwiegen sich an. Als wir den Hauptbahnhof erreicht hatten, herrschte noch immer Eiseskälte zwischen den beiden – Sommer hin oder her. Doch plötzlich, kaum dass wir auf dem Bahnsteig standen, taute Ole auf.
„Es tut mir leid, Lena. Aber der Grund, weshalb ich mich von meiner Ex-Freundin getrennt habe, war ein One Night Stand. Sie hatte irgendeinen Kerl in der Disko kennen gelernt und wollte sich mal wieder ausprobieren – nach zwei Jahren Beziehung.“
Lena und ich sahen ihn beide verwundert an – davon hatte er uns bisher noch nie erzählt. Lena gewann ihre Fassung schneller wieder als ich. 
„Das wusste ich nicht. Aber bei mir ist es etwas völlig anderes: Der Tattoo-Typ und ich waren beide Singles und es konnte niemand verletzt werden.“ Sie machte eine kurze Pause und nahm Ole in den Arm. Dann flüsterte sie so leise, dass selbst ich es nur mit gespitzten Ohren hörte: „Du wirst wieder jemanden finden. Glaub mir.“


Damit war das Eis wieder gebrochen.

Ein schönes (und freundschaftliches) Wochenende wünscht euch
Alexander

 

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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