Tschüss, also auf Wiedersehen!

„Willst du mich verarschen? Du kannst doch nicht einfach aus Hamburg weggehen!“ Lena war wütend. Verdammt wütend. Ich war froh, dass keine Teller in der Nähe waren, denn sie hätten leicht als Munition in ihren Händen enden können.

„Lena, überleg doch mal…“

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„Nein, da gibt’s nichts zu überlegen! Deine Entscheidung ist scheiße. Punkt, aus.“

Glücklicherweise war ich nicht der, der Lenas Wut abbekam. Es war Ole. Denn so sehr er Hamburg – und auch uns – mochte: Es gab einen Menschen, den er so sehr vermisste, dass er all das hinter sich lassen wollte. Sora. Seine Freundin, die in Frankfurt lebte. Er litt seit Monaten unter der Fernbeziehung. Aber jetzt reichte es ihm. Tägliches Telefonieren und sie ab und zu sehen waren ihm nicht mehr genug. Deshalb hatte er mit Sora gesprochen und vorgeschlagen, zu ihr nach Frankfurt zu ziehen – worüber sie sich sehr gefreut hatte.

„Mensch Lena, er liebt Sora. Und Frankfurt ist ja nicht aus der Welt“, versuchte Ben zu beschwichtigen. Doch Lena stand vom Küchentisch der WG auf und verschwand durch die Tür. Während Ole und Ben verdattert am Tisch zurückblieben, ging ich ihr nach. Lena wollte gerade nach ihrer Jacke greifen, da sah ich die Tränen auf ihrer Wange glitzern. Sie war nicht einfach stumpfsinnig wütend. Lena war vor allem traurig, einen guten Freund nicht mehr um sich zu haben.

Ich brauchte und wollte nicht viel sagen, sondern nahm Lena einfach nur in den Arm. Auch ich würde Ole vermissen. Aber Ben hatte recht: Ole wäre nicht aus der Welt. Nur in Frankfurt.

„In Hamburg sagt man Tschüss, das heißt auf Wiederseh‘n.“ So heißt es in einem alten Song von Heidi Kabel. Abschiede müssen nicht immer für die Ewigkeit sein. Und trotzdem schmerzen sie.

Was aber alle Abschiede gemeinsam haben: Ihnen geht eine Entscheidung voraus. Ole war niemand, der bei Entscheidungen übereifrig war. Lange genug hatte er unter der Fernbeziehung gelitten, um sich logisch einen Weg aus ihr heraus suchen zu können. Ich war sicher, er hatte sich Gedanken über die Pros und Kontras dieses Schritts gemacht – und mit Sora abgesprochen. Dass Oles Entscheidung in Lenas Augen falsch war, lag wahrscheinlich daran, dass sie Trauer in ihr hervorrief. Aber ob Entscheidungen richtig oder falsch sind, lässt sich meist erst im Rückblick bewerten. Getroffen werden müssen sie trotzdem.

Es dauerte einen Moment, bis sich Lena wieder gefangen hatte. Bis die Tränen versiegt waren und die Wangen getrocknet. Und dann ging sie wieder in die Küche und umarmte Ole. Ganz lange hielt sie ihn an sich gedrückt, wie bei Bruder und Schwester. Ben und ich lächelten.

„Und wehe, wir sehen uns nicht mindestens einmal im Monat“, flüsterte Lena Ole ins Ohr, doch wir alle konnten es hören. Und wünschten es uns ebenso.

Wir, liebe Leser, haben uns in den vergangenen zwei Jahren auch regelmäßig gesehen oder zumindest gelesen. Und wie sich nun Ole verabschiedet, so werde auch ich mich heute auch verabschieden. Denn nach 55 Kolumnen endet „Alexander in der midde“. Alle zwei Wochen durfte ich über Themen schreiben, die uns alle bewegen: Liebe, Freundschaft und Offenheit. Auch sie sind mit einer Entscheidung verbunden: Tschüss zu sagen zum Negativen nämlich. In dieser Zeit, in der nicht nur die Technik, sondern auch die gesellschaftlichen Strömungen schnelllebig sind, sollten wir uns immer an das Gute halten. An die Menschen, die uns viel bedeuten, obwohl wir es ihnen zu selten sagen. An die schönen Momente, die nur selten fotografiert, sondern in unserer Erinnerung abgespeichert werden. Die Geschichten, die ich hier in meiner Kolumne erzählt habe, haben euch hoffentlich schöne Momente beschert. Und daher sage ich ganz positiv gestimmt: Danke! Fürs Lesen, Kritisieren und Nachdenken.

Tschüss, also auf Wiedersehen!

Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erschien online auf mittelhessen.de/midde seine Kolumne „Alexander in der midde“.

 


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