(Un-)Perfekte Menschen

Aber auch Menschen, die ach so perfekt wirkten, hatten Macken – bei Ben waren es seine Verpeiltheit und Unpünktlichkeit. Bei strömendem Regen stand ich vor seiner WG und wartete darauf, dass er mir die Tür aufmachte – vergeblich. Bei seinem Handy meldete sich nur die Mailbox. Und das, obwohl wir heute Abend einen Aufmunter-Männerabend für seinen Mitbewohner Ole geplant hatten. Denn Ole hatte die vergangenen Tage seine Freundin Sora in Frankfurt besucht und musste heute wieder zurück nach Hamburg – da konnte ein bisschen Aufmunterung nicht schaden.

Ich wartete eine halbe Stunde, war mittlerweile durchnässt bis in die Schuhe, da kam nicht Ben, sondern Ole des Weges.
„Was machst du denn hier?“, fragte er mich und schloss sofort die Haustür auf. 
„Lange Geschichte. Hat was mit deiner Fernbeziehung und Bens Unzuverlässigkeit zu tun.“ Ich erzählte Ole von der eigentlich für ihn geplanten Überraschung, während er mir ein Handtuch gab und Tee kochte.

„Das ist wirklich nett von euch“, sagte er und lächelte. „Es ist seltsam, dass ich jetzt wieder in Hamburg bin, aber Sora in Frankfurt. Ich hasse die Fernbeziehung jetzt schon.“
„Wann seht ihr euch denn wieder?“
„In zwei Wochen kommt sie nach Hamburg. Aber trotzdem. Es ist komisch, dass sie morgen nicht neben mir liegt, wenn ich aufwache. Ich hatte mich die letzten Tage daran gewöhnt“, erklärte Ole und sah wirklich traurig aus. Ich wechselte schnell das Thema, um ihn etwas abzulenken.

„Sag mal, du wohnst doch mit Ben zusammen in einer WG. Wie ist er denn so tagtäglich? Wirkt er auf dich auch so perfekt?“
„Perfekt? Ben? Nein, nicht wirklich. Ich verstehe zwar, dass er auf andere so wirken kann. Aber wenn du ihn nach dem Aufstehen mit seinen Adiletten, Morgenmantel und zerzausten Haaren ins Bad stolpern siehst, ändert sich das Bild ziemlich schnell.“
Ich nickte. Vielleicht hatte Ole recht: Je besser man einen Menschen kannte, desto eher konnte man auch die versteckten Mängel entdecken. Vielleicht war es mit Menschen so wie mit Autos: Der grellste Lack und das stinkendste Duftbäumchen halfen nichts, wenn unter der Motorhaube der Marder sein Unwesen getrieben hatte.

„Aber meinst du, dass es so etwas wie perfekte Menschen überhaupt gibt? Jemand, der gar keinen Makel hat?“, fragte ich. Ole schwieg einen Moment, dann sagte er:
„Was macht denn einen Menschen überhaupt perfekt? Dass er nett ist, intelligent, vielleicht auch selbstbewusst? Aber Selbstbewusstsein wird von manchen Menschen oft als Arroganz verstanden. Und Intelligenz als Besserwisserei. Ob du einen Menschen – und somit auch dich selbst – perfekt findest, ist höchst subjektiv und liegt im Auge des Betrachters.“
„Du meinst, dass manche Menschen Ben wegen seiner Unperfektheit als perfekt sehen würden?“, fragte ich und Ole musste lachen.
„Jetzt machst du es aber kompliziert. Aber du hast recht: Auch Macken können das Bild eines Menschen erst abrunden. Und trotzdem glaube ich, dass es keine perfekten Menschen gibt. Zumindest niemand, der von allen gleichermaßen so gesehen wird.“

Plötzlich klingelte es an der Tür. Ole verdrehte die Augen, stand auf und ging zur Tür. Durch den Flur hörte ich Bens Stimme hallen: „Gut, dass du da bist. Ich habe nämlich meinen Schlüssel vergessen und hatte schon Angst, stundenlang im Regen auf dich warten zu müssen.“
„Das hat schon jemand für dich getan“, sagte Ole und zeigte auf mich, als sie in die Küche kamen.
„Verdammt! Das habe ich ja total verpeilt. Wir wollten Ole ja überraschen. Oh Mann, tut mir leid.“

Ich schüttelte den Kopf. Ben war wirklich die Verpeiltheit in Person. Aber irgendwie machen die Macken Menschen auch liebenswürdig. Und trotzdem nicht perfekt.

Ein schönes (und „perfektes“) Wochenende wünscht euch
Alexander

Alexander Karl ist in Mittelhessen aufgewachsen, nun lebt und studiert er in Hamburg. Sein Debütroman „Real Me – Die Suche nach dem wahren Ich“ ist 2012 erschienen. Alle zwei Wochen erscheint online auf midde.de seine Kolumne „Alexander in der midde“.


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